BERLINER MORGENPOST
May 31, 2003

Mit Geigenstimmen durch den Liebesschlamassel
Kurt Masur zu Gast in der Berliner Philharmonie

by Klaus Geitel

"Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, ist dem Tode schon anheim gegeben". So weiß es August von Platen. Auch Psyché weiß es. Man hat ihr nachdrücklich verboten, den an ihrer Seite schlummernden Amor anzusehen. Und doch: Sie tut's. So sind nun einmal die Mädchen. Der Rest ist Musik.

César Franck hat sie als "Poème Symphonique" für Chor und Orchester niedergeschrieben und ihm den Titel "Psyché" gegeben. Der Chor von Radio France singt. Das sehr jung und unternehmungslustig wirkende Orchestre National de France, unter seinem Chefdirigenen Kurt Masur zu Gast in der Philharmonie, führt auf Masurs Anregung zu allem überfluss auch noch eine Sprecherin an die Rampe. Marianne Pousseur ruft in ihrer wohlklingenden Muttersprache Unverständliches in den Saal. Eine deutschsprachige Schauspielerin wäre da wohl besser am Platze gewesen. Im Grunde aber ist diese stets hochinflammierte Rednerin vollkommen überflüssig. Die herzlich willkommenen Gäste sind gewissermaßen einer "idée de schnaps" aufgesessen.

Franck surft mit wundervollen Geigenstimmen durch den Liebesschlamassel. Sie besingen ein trauriges Glück. Der Chor mischt seine eher tristen Kommentare hinein. Es bleibt beim musikalischen Theoretisieren über die Liebe: einer gewissen Gehirn-Erotik, die über einem einzigen "Tristan"-Takt ins Vergessen verweht. Es bleibt bei einer Sinnlichkeit ohne Unterleib. Für den sah sich Franck nicht zuständig. Er schwelgte im Wohlklang und polsterte mit ihm auch noch das Unglück der Liebe auf.

Prokofieff springt da mit seinem 2. Klavierkonzert den Hörer weit nachdrücklicher an. Elisabeth Leonskaja schlug es derart aufflammend in die Tasten, dass die Bewunderung kein Ende finden wollte. Die Aufsässigkeit, der Siegeswille des jungen Komponisten, der erst 22 Jahre alt war, als er, sein eigener Solist am Klavier, das Werk uraufführte, leuchten aus jedem buchstäblich die Zähne fletschenden Takt. Zehn Jahre später hat er dem Werk einige dieser Zähne gezogen, was aber übrig blieb, genügt noch immer, um alle Rachmaninows in die Flucht zu jagen. In einer riesigen, wahrhaft erschöpfenden Kadenz, von Leonskaja mit unerbittlicher Großartigkeit dargelegt, wirft Prokofieff der pianistischen Herkömmlichkeit aufbrausend den Fehdehandschuh vor die Füße.