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KLASSIK.COM October 30, 2004 Evgeny Kissin begegnet Beethoven Alexander Gurdon Fast die Hälfte aller Leute, die vor dem Théâtre des Champs-Elysées Stellung bezogen hatten, waren auf der Suche nach Eintrittskarten. Das Konzert war schon seit langem ausverkauft, und um weiteren Nachfragen direkt eine Abfuhr zu erteilen, waren an den Abendkassen-Schaltern Schilder zu lesen mit Aufschriften wie 'Ausverkauft!', oder 'Ja... ja... ausverkauft ausverkauft!', und solchen wie 'Aber wirklich ausverkauft!'. Evgeny Kissin ist in Paris und bestritt am Donnerstag und am gestrigen Abend eine Komplettaufführung der Beethoven'schen Klavierkonzerte mit dem Orchestre National de France unter seinem Chefdirigenten Kurt Masur. Um den heute 33jährigen Kissin wurde und wird schon seit etwa 25 Jahren ein pianistischer Rummel sondergleichen veranstaltet, seine Konzerte sind stets Publikumsmagnete und auch wenn er längst sein Wunderkind-Image abgelegt hat, so haftet ihm dieser Ruhm doch noch immer an. Doch auch 'Wunderkinder' unterliegen Entwicklungen, und ebenso Kissin, der nie auf einem einzigen Repertoire verharren wollte, beschritt mit diesem Zyklus Neuland, denn es war auch für ihn das erste Mal, dass er sich Beethoven in dieser Art näherte. Auf dem Programm des Abends standen nun also das 4. Klavierkonzert G-Dur sowie das 5. Klavierkonzert Es-Dur, das 'l'Empereur'-Konzert. Kissin spielte den ganzen Abend über seinen Part technisch brillant (wie hätte man es auch anders erwartet?), keine Fehler oder Ungenauigkeiten schlichen sich ihm in die Finger und all die vertrackten pianistischen Finessen boten keine Schwierigkeiten für ihn. Was nun wirklich interessant zu betrachten war, waren Ausdruck, Spannung und das interpretatorische Konzept. Und hier konnte der Funke leider nicht immer überspringen. Es ließ sich insgesamt schwer fassen dieser Gedanke, aber eine gewisse Kühle überwog gegenüber dem romantischen Feuer, das bei Beethoven entfacht werden kann, häufig hatte man den Eindruck, dass Kissin mehr die akademische Herangehensweise bevorzugte, zumindest in den Ecksätzen. Diesem Phänomen begegnete man also zunächst in den jeweils ersten Sätzen der beiden Klavierkonzerte, Beethovens häufig ungestüme Ausbrüche wurden mancherorts in ihre rein harmonischen und technischen Gebilde zerlegt und man misste das bedingungslose Hingeben an die Musik. Dabei half das ansonsten zwar glänzend aufgelegte Orchestre National de France leider auch nicht, denn das etwas unspektakuläre, nicht 100%ige Musizieren war auch hier zu finden. Da konnte auch ein gutgelaunter Kurt Masur freudestrahlend und fordernd mit den Armen rudern, die Reaktionen seines Ensembles hielten nicht immer lange an. Wahre Zauberkünste jedoch entfaltete Kissin in den langsamen Binnensätzen. Das berühmte Zwiegespräch aus rabiaten Streichern und introvertiertem Klavierpart im 4. Klavierkonzert war an Einfühlsamkeit nicht zu überbieten. Bestenfalls durch das Adagio des 5. Klavierkonzerts, in dem Kissin wirklich am Rande des Hörbaren musizierte und dem vollbesetzten Theater wahrlich den Atem verschlug. Leider ging er aber mit diesem Effekt insgesamt etwas sparsam um, ein derartiges Innehalten hätte etwa den Ecksätzen einigen Reichtum beschert. Die beiden Rondo-Finalsätze wurden dann zu Inbegriffen von Virtuosität und auch rondo-hafter Spielfreude, wenn auch gleich manchmal mit der schon beschriebenen akademischen Auffassung. Die Tempi waren zwar nicht die maximal-möglichen, doch auch so glänzten die Wirbeltänze und das Ruhmreiche (wie im 5. Klavierkonzert), es blitzte gar manchmal höfischer Klang auf und Kissin legte sich schlussendlich mit Feuer in seine Klaviatur, so dass stets die innerkonzertliche Steigerung eine immense war und den folgenden Jubel rechtfertigte. Schade nur, dass den Musikern nicht immer, oder eher selten, diese Spielfreude anzumerken war, und auch Größen wie Evgeny Kissin dürften sich ruhig an solchem Applaus erfreuen und ein wenig lächeln. Die Bravorufe übertürmten sich, es regnete weiße Rosen auf die Bühne, zahlreiche Privatblumensträuße wurden überreicht, und das Publikum wurde für seine enthusiastische Aufnahme mit drei Zugaben belohnt, eine davon eine herrlich wilde, trotzige, raffinierte 'Wut über einen verlorenen Groschen'. Ein nicht immer schlüssiger Konzertabend, mit dennoch vielen großen Momenten, wie etwa den unglaublichen, intimen Pianissimi, die wohl auf der pianistischen Weltbühne ihresgleichen suchen. |


