|
BERLINER ZEITUNG May 30, 2003 Weltverzauberungssimsalabim - und dagegen ist nichts zu sagen Kurt Masur und das Orchestre National de France in Berlin by Jan Brachmann Elisabeth Leonskaja ist eine der Pianistinnen, von der man sich wünscht, sie wäre öfter in Berlin zu Gast. Am Dienstag spielte sie in der Philharmonie zusammen mit dem Orchestre National de France unter der Leitung von Kurt Masur das 2. Klavierkonzert von Sergej Prokofjew. Eine Virtuosin, der es auf spieltechnische Vollendung ankäme, ist Elisabeth Leonskaja nicht. Die sportliche Herausforderung von Prokofjews Klaviersatz hat für sie zu wenig Reiz. Das bekam dieser doch zuweilen recht protzigen und bubenhaften Musik eines narzisstischen Modernisierungsgewinnlers hervorragend. Zu Leonskajas Stärken zählt der volle, warme Ton in der Mittellage des Klaviers; hier ist ihr eigentliches Zuhause, von hier aus gestaltet sie die Musik wie eine Sängerin aus dem klangvollsten, schönsten Register ihrer Stimme, unaufdringlich allerdings, nobel und nie um dieses schönen Klanges als Selbstzweck willen. Den Weg musikalischer Gedanken mit den Händen nachzuzeichnen, durch alle Fontänen und Katarakte showträchtiger Pianistik hindurch, das ist ihr am Dienstag wieder einmal gelungen. Sie hat das Klavier aufgewertet zu einem Gegenorchester: Durch die verschiedenen Lagen des Flügels wanderten die Motive wie durch verschiedene Instrumentengruppen, verzweigten sich und prallten aufeinander als Satz und Gegensatz, ganz nach dem Vorbild symphonischer Arbeit. Auf diese konturierte und kontrastreiche Form hin war das zweite Werk des Abends, César Francks 1887 vollendete symphonische Dichtung "Psyché" für Chor, Orchester und Sprecherin, gar nicht erst angelegt. Franck hat hier einen ganz eigentümlichen Orchesterklang geschaffen: hell, weich und unscharf. Das tiefe Blech kommt kaum zum Einsatz, so wie beim Chor (es sang, mit sehr instrumentaler Geschmeidigkeit, der Ch ur de Radio France) die Bässe fehlen. Man gerät beim Hören in schlafwandlerischen Taumel, die Identität der Klänge driftet, weil durch die geschickte Orchestration ihre Herkunft nicht mehr klar auszumachen ist. Dazu tritt eine recht raffinierte Technik thematischer Verflechtung. Viele Motive nämlich gründen in dem gleichen Akkord und spielen gegenseitig so aufeinander an, dass eines als Metamorphose des anderen gehört werden kann. Dabei kommt es zu Déjà-Entendu-Erlebnissen, in denen das Zeitempfinden seine Richtung, das Selbstbewusstsein des Hörers die Kontrolle über die eigene Wahrnehmung verliert. Dass man diesem Weltverzauberungssimsalabim so willig aufsitzt, hat vor allem damit zu tun, dass man zum Bezaubertsein kaum genötigt wird, anders als bei Richard Wagner, dem Franck so viele Tricks verdankt. Kurt Masur hat das selten gespielte, großartige Stück schon 1996 mit einem neuen Text für eine Sprecherin (am Dienstag: Marianne Pousseur) versehen lassen, um die einzelnen Teile in einen dramaturgisch sinnfälligen Zusammenhang zu rücken. Dieses Engagement ist nicht nur verdienstvoll, es zeitigte auch ein künstlerisch überzeugendes Ergebnis, nicht zuletzt wegen des französischen Nationalorchesters, das Disziplin und Hedonismus in beeindruckender Klangkultur zu verbinden wusste. Pianistik als Sport reizt Elisabeth Leonskaja wenig. |


