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RHEINISCHER MERKUR August 28, 2008 Kurt Masur: Was mir heilig ist Der Dirigent bangt um die Kulturnation Deutschland. Ein RM-Gespräch über bildungshungrige Chinesen, "Ännchen von Tharau" und die wahre Liebe. (Das Gespräch führte Christiane Florin.) Rheinischer Merkur: Ihr Konzert mit Beethovens Neunter beim Bonner Beethovenfest gibt es als Public Viewing, auch die Bayreuther Festspiele werden auf eine Großleinwand übertragen. Was bringt das? Kurt Masur: Konzerte, die auf Großleinwänden übertragen werden, habe ich schon sehr oft dirigiert, vor allem in Asien. In Taiwan waren 3000 Zuhörer im Saal und 30 000 Menschen draußen vor der Leinwand. Dort geht es nicht darum, Klassik populär zu machen. Man wird schlicht auf andere Weise dem Publikumsandrang nicht gerecht. In Europa ist das anders. Hier lässt der Besuch der Konzerte nach, deshalb versucht man auf verschiedenen Wegen, ein neues Publikum zu erschließen. Aber alle Mittel nützen wenig, wenn an den Schulen kaum noch Musikunterricht stattfindet. Dass Musikerziehung fehlt, ist ein Verbrechen an der Jugend. RM: Ist Beethovens Neunte noch Volksgut? Masur: Zumindest kennen es auch die Halbgebildeten. Aber sie wird hier wie etwas Alltägliches wahrgenommen. In China ist die Neunte ein Heiligtum. RM: Diese Sinfonie haben Sie sehr oft dirigiert. Wie gelingt es Ihnen, sie nicht alltäglich werden zu lassen? Masur: Bei mir ist keine Aufführung wie die andere. Daniel Barenboim hat das einmal wunderbar formuliert. Er hat gesagt: "Es werden täglich Millionen Kinder geboren in der Welt, sie haben alle noch nie die Neunte gehört." RM: Das heißt, Sie haben immer diejenigen vor Augen, die das Werk noch nicht kennen? Masur: Ja. Ich versuche auch selbst so an das Werk heranzugehen, als sei es neu. Ich habe einmal mit einem Chor in Dresden die Neunte aufgeführt, einige Tage nachdem die Amerikaner auf dem Mond gelandet waren. Wie bringen Sie den Leuten Schillers Zeile bei: "Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuss der ganzen Welt/ Brüder überm Sternenzelt/Muss ein lieber Vater wohnen."? Die Besatzung des Raumschiffes hatte über die Sterne geschaut und Gott dort nicht gesehen. Ich habe damals dem Chor gesagt, dass Beethovens Dimensionen trotzdem stimmen. Er hat die Unendlichkeit thematisiert und damit ein Werk geschaffen, das sich unendlich oft neu interpretieren lässt. RM: Die Neunte ist missbraucht worden von Regimen, die nicht glaubten, dass alle Menschen Brüder sind. Ist die Musik unschuldig? Masur: Beethoven kann nichts dafür, dass seine Musik vor NSDAP-Größen gespielt wurde, Wagner auch nicht. Ich bin in der Nazizeit aufgewachsen. Ich habe damals mit dem jungen Pfarrer, der mich konfirmiert hat, sehr oft darüber diskutiert, was ehrlich und was unehrlich ist. Diese moralische Erziehung ist das Entscheidende, auch um zu erkennen, wann Musik missbraucht wird. RM: Vermissen Sie heute Moral in der Erziehung? Masur: Ja, Europa läuft Gefahr zu verflachen, die tiefere Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur lässt nach. In China lernen Millionen Kinder Klavier. Sie lernen nicht nur die Technik, sie erobern sich europäische Kultur und damit auch geistige Freiheit. Diese geistige Freiheit meine ich, wenn ich von Moral spreche. RM: Wir haben weit mehr Möglichkeiten als die Generationen zuvor, all das zu hören, was je komponiert und aufgenommen wurde. Warum ist Ihnen um die Kulturnation bange? Masur: Weil alles so routiniert bis gelangweilt zur Kenntnis genommen wird. Klassische Musik ist nichts Besonderes mehr. In New York habe ich nach einem Konzert mit Uraufführungen an einer Diskussion teilgenommen. Dort war ein japanischer Komponist anwesend. Sein Werk war wie eine Meditation eines buddhistischen Mönches. Eine stille Musik, die das Publikum verzaubert hat. Meine Frau ist Japanerin. Als ich mit ihr zum ersten Mal den Jahreswechsel in Tokio erlebt habe, sagte sie: "Du wirst überrascht sein." Um Mitternacht war es nämlich fast still, man hörte nur die Tempelglocken. Das war eines der bewegendsten Erlebnisse meines Lebens. Ich fragte den Komponisten, ob sein Werk auch etwas mit solchen Momenten zu tun habe. Er sagte: "Ja, das ist ein heiliger Moment." Davon können wir etwas lernen. RM: Was denn? Dass uns mehr heilig sein sollte? Masur: Ja, uns ist fast nichts mehr heilig. Wenn ich denke, wie oberflächlich über die Liebe gesprochen wird. Als ich zu DDR-Zeiten eine Frau aus Japan heiraten wollte, war man schockiert. Ein Mann sagte vorwurfsvoll zu mir: "Gab's denn hier keine hübschen Mädchen?" Ich habe aber nicht nach einem hübschen Mädchen gesucht, sondern nach einem Menschen, den ich lieben konnte. Liebe braucht Ernst. RM: Befähigt klassische Musik zur ernsthaften Liebe? Masur: Nicht nur klassische Musik, auch Volkslieder. Das erste Lied, das ich am Klavier gespielt habe, war "Ännchen von Tharau". Als mein Sohn heiratete, musste ich daran denken. Ich habe ihm den Text in sein Hochzeitsbuch geschrieben. Der Text ist hoch moralisch. Er handelt von der wahren Liebe. RM: Aber wer von den unter 50-Jährigen kennt schon noch die Melodie oder weiß, wo Tharau liegt? Masur: Diese Lieder sind in Vergessenheit geraten, weil sie nach 1945 verpönt waren. Sie waren in der Nazi-Zeit gesungen worden, das hat sie diskreditiert. Hanns Eisler hat für die DDR hübsche neue Volkslieder komponiert, aber die können "Am Brunnen vor dem Tore" nicht ersetzen. Zusammen mit der Musikschule Leipzig habe ich eine Bewegung für das Volkslied angestoßen. Unser Ziel ist, dass in jeder Schule ein Lehrer es muss nicht der Musiklehrer sein mit den Kindern Volkslieder singt. Gemeinsames Singen verbindet viel mehr, als man glaubt. RM: Warum muss es ein Volkslied sein? Geht nicht auch eine Hymne aus dem Fußballstadion? Masur: Auch die können viel bewegen, da haben Sie recht. Bei der friedlichen Revolution in Leipzig wurden alle Spottverse auf die Melodien von Fußballsongs gesungen. RM: Waren Sie im Herbst 1989 eigentlich ernsthaft versucht, in die Politik zu gehen? Masur: Ernsthaft in Erwägung gezogen habe ich diesen Wechsel nie, aber ich wurde ernsthaft darum gebeten, ein politisches Amt zu übernehmen. Es gab damals ein verzweifeltes Suchen nach Menschen, denen man vertrauen konnte. RM: Gibt es Politiker, denen Sie vertrauen? Masur: Ja, aber die sind nicht so erfolgreich. Die Parteipolitik macht vieles kaputt. Es ist ja für einen Politiker nicht möglich zuzugeben, dass in der Sache die andere Partei recht haben könnte. RM: Gleicht ein Orchester einer Demokratie oder einer Diktatur? Masur: Ein diktatorischer Dirigent könnte heute nicht vor einem Orchester bestehen. Ein Mann wie Toscanini hätte keine Chance mehr. Aber in seiner Zeit fehlte die Disziplin, es gab gerade unter den italienischen Orchestern wenig Zusammengehörigkeitsgefühl. Damals war er sicherlich der Richtige. Wenn ich heute mit jungen Dirigenten arbeite, sage ich ihnen: "Ihr müsst so viel können, dass ihr das Orchester davon überzeugt, mit euch besser zu spielen als ohne euch." Das ist Demokratie. RM: Sie dirigieren ohne Taktstock. Ist das eine programmatische oder pragmatische Aussage? Masur: Zunächst war es eine pragmatische. Ich hatte 1972 einen schweren Autounfall und konnte den Taktstock nicht mehr halten. Das Erste, was ich danach dirigiert habe, war die h-Moll-Messe von Bach. Viele Musiker kamen zu mir und sagten, diese Art zu dirigieren mache sehr gut deutlich, wie zum Beispiel eine Phrase gespielt werden soll. Deshalb bin ich dabei geblieben. Musikalisches Machtwort "Macht. Musik" beschwört das Internationale Beethovenfest (29.8. bis 28.9.) in Bonn herauf. Das Motto passt zum Komponisten der Eroica ebenso wie zu Kurt Masur. Der 81-Jährige, der im schlesischen Brieg geboren wurde, ist Spitzenmusiker und Musikant zugleich. Sein Dirigat wirkt stets wie ein flammender Appell ans Publikum, nicht nur aufmerksam hinzuhören, sondern selbst Musik zu machen. Die Lust der Mächtigen an der Muse erlebte er als Kapellmeister des Leipziger Gewandhausorchesters. Von 1970 bis 1997 leitete er das traditionsreiche sächsische Orchester, mehr als 100 Aufnahmen spielte er mit den Gewandhausmusikern ein. Im Oktober 1989 trat Kurt Masur öffentlich für eine friedliche Revolution ein durch sein Leipziger Machtwort wurde er zu einer der entscheidenden Persönlichkeiten der Wende. Masurs Name war schon vor dem Mauerfall international bekannt, danach jedoch begann seine internationale Karriere: Er wurde Chefdirigent des New York Philharmonic Orchestra, des London Philharmonic Orchestra und Musikdirektor des Orchestre National de France. Beim Internationalen Beethovenfest interpretiert Kurt Masur am Pult des Orchestre National de France an vier Abenden alle Sinfonien des berühmtesten Bonners. Für die Aufführung der Neunten am 10. September gibt es eine Fanmeile samt Großleinwand in der Innenstadt. Die Sinfonie mit dem "Freude"-Ruf dirigierte Kurt Masur auch am Vorabend der Wiedervereinigung und zu jedem Jahreswechsel im Leipziger Gewandhaus. |


