GENERAL-ANZEIGER
February 26, 2008

Spirituelle Dimension

Mathias Nofze

Kurt Masur setzt seinen Zyklus mit Bruckner-Sinfonien und Klavierkonzerten Beethovens in der Kölner Philharmonie eindrucksvoll fort. Solisten sind die beiden jungen Pianisten Till Fellner und Martin Helmchen


Das ist ein langer Geburtstag, den Kurt Masur feiert. Im Juli vergangenen Jahres beging der Maestro sein achtzigstes Wiegenfest und gastierte aus diesem Anlass im September in der Kölner Philharmonie mit dem Orchestre National de France. Dieser begeistert aufgenommene Abend fand nun mit zwei weiteren Konzerten "zum 80." seine Fortsetzung.

Damals wie jetzt huldigte Masur seinen Komponistenidolen Beethoven und Bruckner, erneut kombinierte er ein Beethovensches Klavierkonzert mit einer Brucknerschen "Riesenschlange", wie dessen Sinfonien von Verächtern verspottet wurden. Doch massig oder gar plump klang nichts in der Interpretation der neunten, "dem lieben Gor gewidmeten Sinfonie, die am ersten Abend (mit den ersten drei Sätzen, also unvollendet) im Programm stand.

Das Pariser Orchester bewies, dass man Bruckner mit einer Spielweise ausdeuten kann, die man als elegant bezeichnen könnte: die aber nichts mit dem Vorurteil einer mediterranen Leichtigkeit, gar Oberflächlichkeit zu tun hat. irrt Gegenteil, Kurt Masur gelang eine aufregende, bewegende und sehr tiefsinnige Wiedergabe. Er hielt die Klanggruppen, die Bruckner gerne 'wie Orgelregister behandelt, klar auseinander und setzte auf große Durchhörbarkeit.

Die Kühnheit der thematischen Erfindung, die Raffinesse der Verwandlungsprozesse, die gewaltigen Steigerungen vor allem im Kopfsatz wurden dadurch in ihrer eigenwilligen musikalischen Logik erlebbar. Selten wird das Janusköpfige bei Bruckner. der sich im Wagnerschen Idiom bedient, gleichzeitig aber auch Stellen bietet, die bei Berg oder Strawinsky stehen könnten, so unverstellt dargeboten. Der Ausdruck subjektiven Empfindens, wie er etwa im aufwühlenden Beginn des Adagios sich Bahn bricht, fiel dem keineswegs zum Opfer.

Bruckner bietet auch In seiner letzten Sinfonie einen mächtigen Blechbläserapparat auf, der (vor allem im Adagio) mit choralartigen Wendungen der Musik eine spirituelle Dimension verleiht. Die Musiker des Orchestre National de France betörten hier mit faszinierenden Klangwirkungen,- ohne jemals ins Grobschlächtige abzugleiten.- ZU einem Meisterstück schließlich geriet das dämonische Scherzo, dessen albtraumhafte Züge -hellsichtig erfasst wurden. Auch in Bruckners Vierter, dem Schlussstück des zweiten Abends, gelang Masur mit dem Orchester die Balance zwischen Partiturtreue und organischer „Beseelung". Mit zumeist flüssigen Tempi verhinderte er' den Eindruck von Monumentalität, ließ, die Musik wunderbar atmen und als Bild eines festlichen Tages (wie es Bruckner selbst andeutete) erstehen.

Beim nächsten Beethovenfest in Bonn werden Kurt Masur und sein Orchester, das- er seit 2002 leitet, einen kompletten Sinfonie-Zyklus präsentieren. Zuvor (ab 7. April) wird der Maestro (der auch Vorstandsvorsitzender des Vereins Beethoven-Hans ist) auf Einladung des Beethoven-Hauses einen Meisterkurs für Dirigenten abhalten. Wie die Sicht des langjährigen Leiters des Leipziger Gewandhausorchesters auf Beethoven aussieht, ließ sieh in Köln anhand des ersten und dritten Klavierkonzerts erahnen: Feinnerviges Spiel, Transparenz im Klang. Klarheit der Aussage. „Deutlich spielen, was musikalisch gemeint ist", ließ sich Masur im Programmheft zitieren. Mit Martin Helmchen (im ersten) und Till Fellner (im dritten) standen Masur zwei Pianisten der jungen Generation zur Seite, die mit stupender Technik und musikalischer Intelligenz geistvolle Interpretationen boten.

Die heitere, jugendliche Frische im Kopf- wie im Finalsatz des ersten Klavierkonzerts zauberte Heimchen mit temperamentvollem Spiel heraus, sehr eindringlich gelang ihm auch das Largo, gestochen scharf und mitreißend spielte er eine Mendelssohn-Etüde als Zugabe. überragend auch der grandiose Till Fellner, der vor allem im Kopfsatz der Musik eine faszinierende Deutlichkeit und Dringlichkeit verlieh. Kernige Brillanz und poetische Zartheit machten aus der Kadenz ein Ereignis, ebenso betörten gestalterische Finessen im Finale, mit denen Fellner einen genialischen Sinn für Rhythmik offenbarte. An beiden Abenden erhob sich das Publikum von den Plätzen und spendete minutenlang Ovationen.