DIE PRESSE
May 24, 2003

Und Leonskaja tobte über die Tasten
Das Orchestre National de France mit César Franck und Prokofjew.

by Jan Brachmann

Kontrastreicher geht es kaum: Hier César Francks Symphonische Dichtung "Psyché", dort Sergej Prokofjews Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 in g-moll. Hier ekstatisches Schwelgen in pathetischen Textströmen, dort wortlose Bewegung aus sprachlähmendem Schmerz heraus. Krasser geht's nicht. Großen Applaus gab es für das Orchestre National de France mit dem hervorragenden Musikdirektor Kurt Masur, für die Sprecherin Marianne Pousseur sowie den Choeur de Radio France, die in Francks wuchtiger Vertonung des antiken Mythos von Eros und Psyche das dramatische Geschehen erzählen, singend kommentieren.

Ganz großen Applaus für Elisabeth Leonskaja, die "Grande Dame" des Klaviers. Mit unglaublicher Heftigkeit begegnet sie diesem vom Interpreten höchste Virtuosität und Körperkraft abverlangenden Werk, leiht ihren Körper der Musik, wird der Emotion nie müde, bleibt hellsinnig und stets lebendig in ihrer Konzentriertheit: Im "Andantino - Allegretto", in dem das Klavier fast unmittelbar mit ostinater linker Hand in sanftem Auf und Ab einsetzt, über dem das Hauptmotiv ertönt, das nach Verarbeitung in einen zunächst akkordischen, dann aus nie enden wollenden Zerlegungen bestehenden Klangsturm mündet, der schließlich abebbt und für einen kurzen Moment wieder in die Ruhe des Anfangs und sein Motiv mündet. Das Scherzo unterlegt ein Wirbel endloser Läufe über dem das Orchester tobt. Unbeherrschtes rhythmisches Gestampfe, mal heftiger, mal feiner, von chromatischen Girlanden durchzogen, beherrscht die Szenerie des dritten Satzes, dessen Unruhe sich im Finale fortsetzt, in einem letzten furiosen Aufbäumen schließt. Und Leonskaja? über die Tasten wild galoppierend, schlagend, tobend, grollend. Atem raubend.