RHEINISCHER MERKUR
February 24, 2005

Dann spielen Chinesen die Neunte
Hilde Malcomess

KURT MASUR: Der Dirigent über die Misere der deutschen Musikerziehung, das Vorbild Asien und die politischen Probleme in den neuen Ländern

Nicht nur mit dem Taktstock arbeitet der im Osten groß gewordene Kapellmeister. Sein Kampf für eine vitale Kultur ist so vielseitig wie originell.

Rheinischer Merkur: Herr Masur, als neuer Vorsitzender des Vereins Beethoven-Haus Bonn lenken Sie die Geschicke des realen und des digitalen Beethoven-Hauses. Weshalb Ihr Engagement?

KURT MASUR: Wir haben in Deutschland Mangelerscheinungen in der Erziehung unserer Kinder. Als ich vom digitalen Beethovenhaus gehört habe, da wusste ich genau, dass die Generation, die heute zum treuesten Publikum in den Konzerten gehört, damit gar nicht angesprochen wird, weil sie sich nicht gut auskennt im Netz. Die Kinder hingegen machen das wie ein Kinderspiel und sind dadurch ungeheuer interessiert. Für mich ist das digitale Beethovenhaus der Weg in die Zukunft.

Und weshalb sollen Kinder und Jugendliche Beethoven lieben?

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit haben ihn fasziniert, und diese Ideale sind aktuell. Damit können wir Beethoven auch zu einem Helden für Heranwachsende machen. Gleichzeitig ist sein tragisches Leben sehr aufregend und beweist, dass ein Mensch alles überwinden kann. Einsam, taub, verzweifelt glaubt er an die Menschen und schreibt eine „Ode an die Freude". Zehn Jahre zuvor hat er in dem Brief an die unsterbliche Geliebte Abschied genommen – nicht von einer Frau, sondern von der Frau überhaupt, von der Hoffnung auf eine Partnerin. Mit welchen Hindernissen und Behinderungen ein Kind auch immer aufwachsen mag: Die zutiefst menschliche Botschaft Beethovens kann ihm weiterhelfen. Wenn das nicht aufregend genug ist für unsere Kinder, dann weiß ich nicht mehr, was.

Wir haben den Schlüssel in der Hand. Kinder sind viel leistungsfähiger und aufnahmebereiter, als wir glauben. Ich bin im Augenblick so alarmiert, weil wir einen Verlust erleiden, den wir nie wieder gutmachen können.

Was genau sind die Alarmzeichen?

Es wird eine Überschwemmung geben von hervorragenden Musikern aus Asien. Überspitzt gesagt: Wenn wir in der Musikerziehung in Deutschland so weitermachen wie bisher, dann wird sich das deutsche Publikum die Beethovensinfonien künftig von einem chinesischen Orchester anhören müssen. Wir haben heute überall in Deutschland asiatische Musiker sitzen. Warum? Diese Menschen haben einen unglaublichen Hunger nach Bildung und Schönheit und sie werden von ihren Eltern und vom Bildungssystem darin unterstützt.

Ich möchte ein Beispiel geben. Auf meiner letzten Tournee mit den New Yorker Philharmonikern wurde ich in Taipeh gefragt, ob wir bereit wären, den Chor der 9. Sinfonie von Studenten singen zu lassen. Weil ich wusste, dass die jungen Menschen dort sehr gebildet sind, stimmte ich zu. Ich machte eine erste Klavierprobe, und da sangen 150 Chinesen auswendig in deutscher Sprache. Sie sangen in so hervorragender Qualität, dass es mich heute noch friert, wenn ich daran denke. Sie sangen mit leuchtenden Gesichtern, weil sie genau wussten, was sie singen. Das Konzert wurde auf einen großen Platz übertragen. Als wir das Konzerthaus verließen, wurden wir gefeiert wie Popstars. 30 000 junge Chinesen hatten draußen auf den Steinen gesessen und die Aufführung auf einer Leinwand verfolgt. Zu unserer Überraschung gab es dann noch einen besonderen Star: Ein zwölfjähriger Junge sang die „Ode an die Freude" auf Chinesisch, und die Menschen auf dem Platz stimmten ein. Ich fragte völlig erstaunt, woher sie das alle könnten, und bekam zur Antwort: Wir lernen das in der Elementarschule.

Warum fehlt den jungen Menschen in Deutschland dieser Hunger?

Wir sind sachlich und praktisch geworden. Das Schöne, die Poesie, die seelische Tiefe werden von den Eltern nicht mehr vermittelt. Und aus den Stundenplänen wird die Musik als Zierrat gestrichen. In Asien ist das völlig anders. Dort sind alle bemüht, Kindern das Schöne zu eröffnen, in jedem Gegenstand. Dort lernen die Kinder in der Schule Flöte spielen. Wenn ich von Schönheit spreche, geht es nicht nur um große Kunst. Wenn ein Kind seine Mutter ein Schlaflied singen hört, wenn es fühlt, wie die warmen Gefühle der Mutter in ihrer Stimme und der Melodie widerhallen, dann ist auch das eine Begegnung mit dem Schönen, die glücklich macht.

Singen genügt also, um für die positiven Seiten der Musik zu öffnen?

Ja, man muss kein Instrument spielen. Singen allein genügt schon. Ich habe in Dresden, Leipzig und anderen Städten Kinderchöre gegründet und weiß, dass die jungen Sänger sich alle gut entwickelt haben. Auch in New York werden schwarze Kinder von der Straße weg in Chorprojekte gebracht. Die Musik macht sie leichter erreichbar, besser erziehbar. Deshalb ist es falsch, gerade dort zu sparen. Ich möchte noch ein Beispiel für die Zeichen nennen, die mich so sehr alarmieren. Im vergangenen Jahr wären die Dresdner Musikfestspiele beinahe gestrichen worden. Der Oberbürgermeister erklärte wortreich, dass man doch Verständnis dafür haben müsse, dass kein Geld mehr zur Verfügung stehe. Ich habe ihn daran erinnert, dass wir in den fünfziger Jahren in Ruinen musiziert haben, die Menschen strömten in den halb zerstörten Zwinger. Wenn er damals so gesprochen hätte, hätten ihm die Leute das Wohnrecht entzogen. Und so jemand kann heutzutage Oberbürgermeister sein.

Wie sind Sie mit der Entwicklung in Leipzig zufrieden, dessen Gewandhausorchester Sie 25 Jahre lang leiteten?

Leipzig ist eine arme Stadt. Die Entwicklung der Einwohnerschaft zeigt: Leipzig blutet. Die Rentner bleiben, die Jungen gehen. Leipzig hat den Vorteil, dass die Stadt heute wieder sehr schön aussieht. Einiges von dem Aufbruchsgeist der Wendejahre ist verloren gegangen, aber jetzt fangen die Jungen wieder an, zu demonstrieren. Wer Steuern zahlt, darf auch etwas vom Staat verlangen. Man muss sich wehren. Das zeigt, was Demokratie ist.

Was denken Sie über das Erstarken rechtsextremer Parteien im Osten?

Ich finde das sehr dramatisch. Doch solange die Quellen des Unmuts, vor allem die Arbeitslosigkeit, noch bestehen, werden die Unzufriedenen, Unglücklichen, Verzagten einen Ausweg suchen, zur Not auch in rechten Parolen. Niemand wird schlecht geboren, aber manchen treibt die Verzweiflung in die falsche Richtung. Das wird ewig so sein. Ich vergleiche das gerne mit Israel und Palästina. Wenn ein Kind seine Mutter jeden Tag weinen sieht, weil der Vater von einem Israeli erschossen wurde, wird es womöglich ein Terrorist aus Verzweiflung. Menschen werden unschuldig geboren, aber viele wachsen mit Hass auf.

Die NPD ködert die Jugendlichen mit Musik, verschenkt vor den Schultoren CDs mit rechten Liedern. Mit welcher Musik steuern Sie dagegen?

Der Missbrauch von Musik ist ein großes Thema. Ich will Ihnen sagen, was wir in New York getan haben. Ich habe einmal alle Lehrer der umliegenden Schulen eingeladen, uns, also die New Yorker Philharmoniker, zu besuchen. Sie haben sich riesig gefreut, und es entstand der Wunsch, eine Generalprobe zu erleben. Es stellte sich heraus, dass die musikalische Bildung der Lehrer und Schüler rudimentär war. Daraufhin haben wir gemeinsam beschlossen, dass jedes Kind flöten lernen sollte. Ein Sponsor für 4000 Blockflöten war schnell gefunden. Wir schenkten sie den Kindern. Die Lehrer lernten bei uns Flöte und gaben ihr Wissen an die Schüler weiter.

Und in Deutschland?

Die Gefahr ist, dass die Kinder wild aufwachsen, das heißt, die musikalische Erziehung wird ihnen selbst überlassen. Das Erste, womit sie konfrontiert werden, ist Entertainment in Radio und Fernsehen. Das verstopft ihnen die Ohren, und sie lernen nicht zu unterscheiden zwischen dem, was sie berieselt, und dem, was sie öffnet und begeistert. Wir haben gerade in Leipzig mit einem Musikerziehungsprogramm für Schüler begonnen, und die Eltern haben Sorge, dass die Kinder überlastet werden. Ich habe ihnen gesagt: Solange Sie nicht fürchten, Ihre Kinder mit zwei Stunden Fernsehen zu überlasten, werden diese es wohl auch schaffen, eine halbe Stunde etwas über Musik zu hören.

Sie wurden 1927 in Schlesien geboren. Was bedeutet diese Heimat für Sie?

Heimat ist für mich eine wertvolle Erinnerung. Das Gefühl ist vergleichbar mit einer Partnerschaft, die endet. Die Erinnerung bleibt wertvoll.

Hilde Malcomess traf Kurt Masur anlässlich eines Pressegesprächs im Beethoven-Haus Bonn.

Auch ein Politiker wider Willen

Kurt Masur wurde 1927 in Brieg, nahe Breslau, geboren. Nach einer Elektrikerlehre und kurzem Kriegseinsatz 1944/45 studierte er in Leipzig Klavier, Komposition und Orchesterleitung. Dirigentenstellen in Halle, Erfurt und Dresden, Berlin führten ihn 1970 bis 1996 als Kapellmeister des Gewandhauses nach Leipzig. Er brachte das Spitzenorchester zu Weltruhm. Zwischen 1991 und 2002 war er Musikalischer Direktor der New Yorker Philharmoniker. Heute ist Masur Leiter des London Philharmonic Orchestra und des Orchestre National de France. Als Mensch und Musiker ist Masur durchdrungen von einem humanistischen Sendungsbewusstsein. Persönliche Integrität und deutsche Kapellmeistertugenden verschafften ihm höchstes Ansehen weltweit. Ein Politiker wider Willen wurde der Dirigent im Herbst 1989 mit dem politischen Zusammenbruch der DDR. In den Auseinandersetzungen um die Mon- tagsdemonstration vom 9. Oktober 1989 in Leipzig wirkte er mäßigend auf die Leipziger Bürger und die Staatsgewalt, engagierte sich für Gewaltlosigkeit und gab das Gewandhaus für politische Diskussionen frei. Mit fünf anderen Prominenten veröffentlichte er im November 1989 die „Leipziger Postulate", eine programmatische Grundlage für eine „Demokratische Republik Deutschland". Zeitweilig war er als DDR-Staatspräsident, 1993 als Bundespräsident im Gespräch. Kurt Masur ist mit einer japanischen Sopranistin verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. hm