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PFORZHEIMER ZEITUNG September 20, 2003 Mit Kapellmeisterlicher Souveränität by Thomas Weiss Wer Kurt Masur auf dem Podium erlebt, der mag kaum glauben, dass der hünenhafte Dirigent schon 76 Jahre zählt. Leicht tänzelnd strahlt er kapellmeisterliche Souveränität aus, gibt, wie immer ohne Taktstock dirigierend weiche Zeichen, feuert seine Musiker an, unterstützt wo nötig, gibt ihnen aber auch Freiräume. Nach dem Ende seiner Zeit als Chefdirigent der New Yorker Philharmonic hätte er sich keine Leitungsposition mehr zumuten müssen, aber Masur, der dem Leipziger Gewandhausorchester zuvor 26 Jahre vorstand, hat nicht nur im Jahr 2000 die Führung der London Philharmonie übernommen, seit dem vergangenen Herbst ist er zudem Chefdirigent des Orchestre National de France. Mit diesem konzertierte er jetzt im ausverkauften Forum der Ludwigsburger Schlossfestspiele. Und der Jubel war frenetisch, wie nicht anders bei Masur gewohnt, der auch bei Menschen Popularität erlangte, die sich sonst wenig um klassische Musik kümmern, da er durch sein couragiertes Auftreten 1989 bei den Leipziger Demonstrationen Blutvergießen verhinderte. Bruckner, flankiert von Wagners "Rienzi"-Ouvertüre und einer Lohengrin-Zugabe sowie den eher als Einspielstücken platzierten Miniaturen von Pascal Zavaros stand im Mittelpunkt seines Auftretens in der Barockstadt. Pascal Zavaros "Flashes" betitelte fünf Miniaturen eignen sich für Tourneen wie Jene, auf der das Orchestre National de France gerade in Ludwigsburg Station machte. Eine Alibifunktion haben die Miniaturen sicher auch, denn die zwischen erweitertem Minimalismus, an Strawinsky erinnernde rhythmische Impulse und Gershwin-Anklänge angesiedelte Musik kann auch ein eher konservativ gestimmtes Publikum kaum verstören. Dazu instrumentiert Zavaros einerseits zu farbenreich, andererseits ist seine Musik zu eingängig-gefällig, um Kontroversen auszulösen. Und in Masur und seinem Orchester fanden die "Flashes" zu dem Interpreten, die die Klangsinnigkeit der Miniaturen routiniert auskosteten. Der dunkel timbrierte, gelegentlich etwas zu kompakte Klang des Orchesters, das trotz beachtlicher Qualitäten wie den sehr guten Holzbläsern sicher nicht zur europäischen Spitze gehört, wurde von Masur dann bei Wagners "Rienzi"-Ouvertüre recht knallig-wirkungsmächtig vorangepeitscht, den Effekten der Ouvertüre des noch jungen Wagner eher plakativ gehuldigt. Im Zentrum stand daher, wie schon erwähnt, Bruckners Schmerzenskind, die dritte Sinfonie, die der Komponist Richard Wagner zugeeignet hat. Schmerzenskind deshalb, weil das Werk, für Bruckner nicht ungewöhnlich, vom Publikum wie auch von den Wiener Philharmonikern, die sich weigerten, es aufzuführen, lange abgelehnt wurde. Erst in der problematischen dritten Fassung von 1889 konnte sich die d-Moll-Sinfonie im Konzertsaal durchsetzen. Problematisch ist die im Gegensatz zu den früheren Fassungen stark gekürzte Version von 1889, die Kurt Masur wählte, auch deshalb, weil vom Finale kein Autograf von Bruckners Hand vorliegt. So ist man auf den Bruckner-Vertrauten und Dirigenten Franz Schalk angewiesen, der den Satz entscheidend kürzte, damit die für Bruckner so entscheidenden Proportionen aber radikal änderte. Vielleicht mag die Wahl dieser Fassung auch mit der Neigung Masurs zusammenhängen, weiträumige musikalische Dispositionen eher kleinteilig aufzusplitten. Denn schon im gewaltigen Kopfsatz hatte man gelegentlich den Eindruck, die Satzfragmente würden etwas bindungslos gegenübergestellt, die Gesamtentwicklung des Satzes für den ausdrucksstark musizierten Augenblick in den Hintergrund gedrängt. Fließend, weich, wenig konturscharf ist das Orchesterspiel angelegt, im Adagio können die Streicher ihre Qualitäten singend zu Geltung bringen, im Scherzo betont Masur die Ländlerpassagen, um dann das Finale, sich auf das zuverlässlg-klangschöne Blech stützend, zur sinfonischen Apotheose zu führen. |


