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SCHWÄBISCHES TAGESBLATT September 20, 2003 Zwischen Gral und Panzer by Christoph Müller Vorletztes Großereignis der diesjährigen Ludwigsburger Festspiel-Saison: Der 75-jährige Kurt Masur meißelt Anton Bruckners grandios kantige 3. Sinfonie. Ovationen. Eigentlich hätte man vom französischen Nationalorchester, dessen Chefdirigent der bald 76-jährige Leipziger Kurt Masur seit einem Jahr ist, im Jubiläumsjahr etwas von Hector Berlioz erwartet. Des pure Gegenteil erklang beim umjubelten Gastspiel in Ludwigsburg: Die Franzosen erwiesen sich als stählerne Deutsch-Romantiker mit dem vollen Wagner- und Bruckner-Sound. Dies dürfte einzig und allein das Werk von Kurt Masur sein, dem Inbegriff eines deutschen Kapellmeisters. Doch je älter der weißbärtige Hochgeschossene wird (fast nehmen seine Züge nun furtwänglerische Meta-Weisheit an), desto eleganter wirkt sein tänzelnder Schritt, mit dem er das Podium betritt. Das Pariser Elite-Orchester hat offensichtlich auch umgekehrt auf seinen Dirigenten abgefärbt. Bruckner, die Dritte, d.Moll. Ein weiß Gott schwerer, sperriger Brocken. Mit keiner seiner Sinfonien rang der zu Lebzeiten verkannte Gottesmusik-Suchen so heftig wie mit dieser. Kennen bevorzugen seine um ein Viertel längere Urfassung. Im Konzertsaal aber hat sich die dritte, die letzte Fassung eingebügert. Auch Masur hat sich für sie entschieden. Die Blechbläser haben freilich auch noch in dieser abgemilderten Version pausenlos zu tun -- und die Franzosen schmettern, von kleineren Intonationstrübungen nicht aus dem Takt gebracht, aus Leibeskräften. Ein Wechselbad von Gral und Panzer. Wie sehr Bruckner auf Wagner reagierte (der die Sinfonie heuchlerisch gelobt hat), machte Masur direkt nachvollziehbar. Denn vor dem Bruckner platzierte er, nach einem überflüssigen Wir-können-auch-Gegenwartsmusik-Häppchen à la Gershwins "Amerikaner in Paris", die "Rienzi"-Overtüre, und als Dreingabe erinnerte das "Lohengrin"-Vorspiel noch einmal daran, wo Bruckner zumindest anfangs seine Orientierungspunkte suchte. Das Orchestre National de France arbeitete sich richtig ab an der kantigen Wucht der immer wieder neu aufgetürmten Gebirgsbrocken Bruckners. Die Französische Klarheit und die angeborene Liebe zu impressionistlachem Klangkolorit, hier mussten sie deutscher Maschinen-Kraft und hymnischer Erlösersehnsucht weichen. |


