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BERLINER ZEITUNG February 18, 2005 Das Lächeln des Glücks: Kurt Masur tritt mit dem Orchestre National de France auf Wolfgang Fuhrmann Das Orchestre National de France hat am Mittwoch im Konzerthaus ein Gastspiel mit Symphonien von Mozart und Bruckner gegeben. Das ist doppelt merkwürdig: Einmal, weil man von einem französischen Orchester zunächst französische Musik erwarten würde, und zum anderen, weil solche ungebrochen der deutsch-österreichischen Symphonik verpflichteten Programme gerade in Berlin sehr selten geworden ist. Die Dramaturgen lieben hier den Rösselsprung, je weiter die Werke in ihren zeitlich-räumlichen Entstehungsbedingungen und ästhetischen Ansprüchen auseinander stehen, desto besser. Die Es-Dur-Symphonien von Mozart (KV 543) und Bruckner (Nr. 4, "Die Romantische"), das hätte auch ein Furtwängler aufs Programm setzen können, und es ist kein Zufall, dass bei dem Versuch, sich an ähnlich konzipierte Programme der letzten Jahre zu erinnern, eigentlich nur die Namen Günter Wand und Kurt Sanderling ins Gedächtnis treten. Der Dirigent des Abends war Kurt Masur, und nach diesem Konzert muss man sagen, dass er mit Wand und Sanderling in einem Atemzug genannt werden kann: Wie sich hier ein Orchesterklang als ein Ganzes entfaltete, ohne Scheinwerfer-Spots und Spezialeffekte, das ließ die Musik wie eine Landschaft wirken, in der man sich ergehen kann. Das erinnerte an Wands Lesart der großen C-Dur-Symphonie von Schubert, an Sanderlings Verständnis von Bruckners Siebter. Dann war aber doch etwas anders. Zumindest aus einer Position im ersten Rang, etwa über der dritten Parkettreihe gehört schien sich der Klang der Orchestergruppen weniger zu mischen als zu staffeln. Bestimmte Passagen des ersten Satzes bei Bruckner, in denen Bratschen, Celli und Bässe in pulsierenden Figuren ineinandergreifen, schimmerten wie dunkler Samt, und doch waren die Gruppen voneinander abgehoben. Die Holzbläser legten sich, oft mit der Klarheit eines Orgeltons, über die Streicher, und die Blechbläser setzten auch ihre kraftvollsten Akzente meistens mit eng fokussiertem, beherrschten Ton, ohne alles andere zu übertönen. Besonders deutlich wurde dieses bei aller Farbigkeit doch immer klar gezeichnete Klangideal bei den Hörnern. Im durchbrochenen, auf verschiedene Gruppen verteilten Satz des ersten Themas der Mozart-Symphonie fiel bereits auf, wie präzise, beinahe lakonisch die beiden Hörner ihren Beitrag leisteten. Und zu Beginn des Bruckner war nichts von jener weichen, ansatzlosen, wie von ferne herkommenden Klanggebung zu spüren, mit der diese "romantische" Symphonie in ihrem berühmten Hornsignal gewöhnlich anhebt, fast sachlich klang das, wie ein Postillion-Ruf. Statt eines Naturlauts wurde sogleich die Sphäre der Kultur, des Signals zur Verständigung zwischen Menschen beschworen. Und so berückend schön und durchaus auch erhaben das Werk im Folgenden erklang, so atemberaubend die Kultur des ganz Leisen in diesem Orchester ausgebildet ist: Von dem Mystischen, dem klingenden Äquivalent zu dämmernden Domgewölben, das viele bei Bruckner suchen, war hier wenig zu spüren. Masurs Bruckner klang ganz diesseitig, seine Schönheiten gelassen herschenkend, selbst in den Aufgipfelungen des langsamen Satzes und des Finales niemals von gewaltsamer Gestik. Das stellte eine ganz eigentümliche Nähe zu der Mozart-Symphonie her, die ihrerseits sehr weich und rund im Klang, geradezu wie eine Pastorale genommen worden war. Als Dirigent bietet Masur eine eigentümliche Erscheinung. Er dirigierte ohne Taktstock und Partitur. Oft verzichtete er selbst auf die kleinste Andeutung einer Taktgebung, sondern ließ seine wie zum Greifen gekrümmten Hände zucken, als setzte ihn die Musik unter Strom. Bei dem erwähnten Thema aus der Mozart-Symphonie führte er die Melodie mit breit streichenden Bewegungen durch die Orchestergruppen, und ein Lächeln des Glücks war auf seinem Gesicht zu sehen. Dieses Glück teilte sich auch dem Publikum mit; der lang anhaltende Applaus galt gewiss auch dem Helden von 1989, aber wohl doch in erster Linie dem großen Musiker. |


