DIE WELT
October 15, 2004

Wo die Liebe hinhaucht, hört man, wie das Gras wächst
Tom R. Schulz

Musikhalle: Kurt Masur und die Londoner Philharmoniker entlocken Werken von Brahms und Dvorák nie gehörte Klänge

Kein Taktstock, keine Partitur, nicht einmal ein Dirigentenpult. In bester kapellmeisterlicher Tradition benötigt Kurt Masur nichts außer sich selbst, um ein Orchester souverän durch die Fährnisse zweier sinfonischer Schwergewichte des späten 19. Jahrhunderts zu steuern. Mit Brahms' dritter Sinfonie und Dvoráks Neunter "Aus der Neuen Welt" gastierte er zum Finale einer Tournee durch zehn westdeutsche Städte mit seinem London Philharmonic Orchestra am Mittwoch in der bis auf den letzten Platz gefüllten Musikhalle.

Sich selbst artikuliert der Dirigent allerdings in einem mimischen und gestischen Privatidiom, das ungewöhnlich zu nennen eine Untertreibung wäre. Masur dirigiert noch mit den Augenbrauen und mit seinen bebenden Wangen. Manchen Einsatz gaben allein seine Schultern, und häufig sah man seine linke Hand zappeln wie einen frisch gefangenen Fisch. Wer solche Zeichen richtig deuten kann, der hört bestimmt auch das Gras wachsen. Und daß die Londoner in jedem Moment exakt wußten, was der Maestro jetzt gerade von ihnen wollte, daran ließen sie nicht den geringsten Zweifel.

Zugegeben: Sie brauchten ein paar Minuten, ehe sie ganz angekommen waren, auch wenn ihr warmer, atmender Klang vom ersten Takt an in den Saal strömte und man sich wohlig in den gedeckten Farben auszustrecken begann, die zu Brahms so viel besser passen als das ungebremste Virtuosenjubilieren. Doch rasch wich der Eindruck, hier spielten innerlich nicht allzu beteiligte Hochprofis, wachsender Begeisterung darüber, auf welch unaufdringliche Art sie ihre Detailgenauigkeit zum Ausdruck brachten. Statt unbedingt ohrenblenderisch zu funkeln, leistet sich dieses Orchester die Noblesse einer gewissen Patina, einer Patina freilich ohne jeden stumpfen Fleck - an jedem Pult sitzen Musiker mit dem Stimmführerstab im Tornister. Wie Masur dann im langsamen Satz, dessen Beginn die Bläser hinreißend liedhaft und feierlich vortrugen, kleine Risse im Melos weder kittete noch schroff betonte, sondern einfach nur freilegte, ohne Effekthascherei oder übertriebene Diktion: Das war unerhört wirkungsvoll und so modern, daß einem Schönbergs Wort von Brahms, dem Fortschrittlichen, in den Sinn kam.

Masurs Musizieren klingt wie der Rausch der Nüchternheit: Das Musikantische ist da, macht sich aber nicht breit. Die Wehmut ist mit Händen zu greifen, doch kippt sie nie ins Larmoyante. Wie es diesem oft so eigenartig schlackernden Dirigenten gelingt, etwa die ersten Geigen in kürzester Zeit völlig zu entfesseln, um sie Sekunden später nachgerade zu knebeln - wie er sich überhaupt in die höchsten und höchst unterschiedlichen Erregungszustände begibt, ohne dabei je seine Gesamtdisposition von geradezu majestätischer Ruhe zu verlassen: Das ist ein Schauspiel, das man mit umso größerer Bewunderung beobachtet, als die erklingende Musik jeweils der unmittelbare Ausdruck beider Botschaften ist.

Als nach der Pause das doch schon arg durchgerittene Schlachtroß "Aus der Neuen Welt" heranzutraben beabsichtigte, fürchtete man, selbst Masur werde auf ihm keine Kür zustande bringen. Doch schon das erste Motiv in den tiefen Streichern sank wie ein Faden Honig in die Teetasse, sinnlich, hingegeben, süß. Waren die Ecksätze brillantes Handwerk, bei dem die Londoner auch dynamisch sehr freudig in die Vollen gingen, so gestaltete Masur mit seinen Musikern den langsamen Satz so wunderbar, wie man ihn noch nie zuvor gehört hat. Das Englischhornsolo schwebte über dem perserteppichfein geknüpften Klanggewebe der gedämpften Streicher wie der Geist über den Wassern. Noch im extremsten Pianissimo dieser pastoral gestimmten Musik hielt Masur eine delikate Binnenspannung. Jedes Klangdetail blühte in seiner eigenen Farbe, die Generalpausen wurden zu Ereignissen von geradezu ekstatischer Stille, und die Celli am Ende schenkten reine Seligkeit. Masur gehört zu den Geheimnisträgern seiner Zunft, von denen es nur ganz wenige gibt. Er weiß alles über den Umgang mit Zeit.