HAMBURGER MORGENPOST
October 15, 2004

Voller Leichtigkeit und Frische
Christoph Forsthoff

Großartig: Kurt Masur und das London Philharmonic Orchestra

Kein Podium, kein Pult, kein Taktstock: Kurt Masur hats nicht nötig, den großen Zampano vor seinem London Philharmonic Orchestra zu markieren, der Dirigent war schon immer mehr der Kapellmeister alter Schule, der sich auf knappe Initialzündungen beschränkt. Alles andere indes wäre bei diesen britischen Musikern auch überflüssig gewesen, präsentierte sich doch das Orchester bei seinem Auftritt in der fast ausverkauften Musikhalle wie aus einem Guss.

Die Streicher sangen vom Feinsten (bis hin zu den Kontrabässen!), die Bläser zauberten in den melancholischen Klängen von Brahms' Dritter um die Wette, und das Blech sandte prächtigste Töne "Aus der Neuen Welt" Dvoraks.

Sicher, ein revolutionärer Brahms war hier nicht zu hören, aber den erwartet auch keiner vom bodenständigen Masur. Stattdessen atmete "seine" Sinfonie eine Organik und eine aus den Themen sich entwickelnde Logik, wie sie in dieser altersweisen Sattheit und detailreichen Schärfe selten zu hören ist. Und Dvoraks vermeintlich schon totgespielte Neunte swingte mit ebensolcher Leichtigkeit in frischem Glanz, wie bei den Londonern aus einem kaum hörbaren Pianissimo ein Orkan erwuchs, der den oft beschworenen folkloristischen Kitsch hinwegfegte. Eine exzellente Orchesterkultur vom Differenziertesten - und dabei ist diese Spitzentruppe in ihrer Liga wohl die am schlechtesten bezahlte, sind Tarifverträge, Urlaubsgeld und Rente die Ausnahme. Ein Schelm, der da denkt, ähnlich harte Arbeitsbedingungen in Deutschland könnten auch hier manch wohlversorgten, trägen Orchesterbeamten auf Trab bringen ...