General-Anzeiger Bonn
October 12, 2009

Bonner Publikum bejubelte Kurt Masur und das Beethoven Orchester
Glanzvolles Finale: Benefizkonzert für den Ankauf der Diabelli-Variationen


Bernhard Hartmann

Nur einen Tag, nachdem Kurt Masur in der Leipziger Nikolaikirche ein Konzert des Gewandhausorchesters zum 20. Jahrestag der Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989 dirigiert hatte, war der mittlerweile 82-jährige Maestro nach Bonn gereist, um am Pult des Beethoven Orchesters ein weiteres Konzert zu leiten.

In beiden Fällen ging es ihm um ganz zentrale Herzensangelegenheiten. In Leipzig erinnerte sein Auftritt daran, dass er vor 20 Jahren mit fünf weiteren Persönlichkeiten durch den gemeinsamen Aufruf zu Gewaltlosigkeit ein Blutvergießen verhindert und so einen historischen Beitrag zum Fall der Berliner Mauer geleistet hatte.

In Bonn nun war Kurt Masur einer Einladung des Beethoven Orchesters gefolgt, das ein Benefizkonzert zugunsten des Ankaufs der mehrere Millionen teuren Originalhandschrift von Beethovens Diabelli-Variationen für das Beethoven-Haus ausrichtete, der wohl letzten bedeutenden, aus privatem Besitz zum Verkauf anstehenden Handschrift des Komponisten überhaupt.

Zwei Jahre lang hatte Masur als Vorsitzender des Vereins Beethoven-Haus gemeinsam mit dem kürzlich in den Ruhestand verabschiedeten Direktor Andreas Eckhardt immer wieder für das Vorhaben geworben, das nicht zuletzt durch diesen Benefiz-Abend in der ausverkauften Beethovenhalle noch in diesem Jahr zu einem glücklichen Abschluss kommen wird:

Um 60 000 Euro wurde der Eigenanteil des von der öffentlichen Hand geförderten Projekts an diesem Abend erhöht. "Sie haben gehört, was Sie für ein Orchester haben", sagte Masur nach dem Konzert zum Publikum. Tatsächlich spielte das Beethoven Orchester seine ganzen Tugenden aus.

Schon in der "Hebriden"-Ouvertüre von Felix Mendelssohn Bartholdy, mit der das Konzert begann, beeindruckte man mit einem wundervollen, runden Streicherklang, es war beglückend zu hören, was für ein Crescendo diese Musiker hinzaubern, welche Farben die Holz- und Blechblasinstrumente insbesondere in der Durchführung dazumischen können.

Für Robert Schumanns Klavierkonzert hatte das Orchester mit dem in Düren geborenen Lars Vogt einen großartigen Solisten gewonnen, der ebenso wie der Dirigent auf seine Gage verzichtet hatte. In seinem Spiel verknüpfte er auf bemerkenswerte Weise Kraft und Poesie, Technik und Ausdruck.

Die Akkordfolge nach dem präzise gesetzten ersten Orchesterschlag spielte Lars Vogt mit souveräner Lässigkeit, um nach dem Bläserthema den lyrischen Ton des Konzerts aufzugreifen.

Die enge Verflechtung zwischen Solisten und Orchester war hier mit traumwandlerischer Sicherheit verwirklicht, weil Vogt und Masur hellwach aufeinander reagierten.

Selbst die virtuos ausgeführte Solokadenz kam in diesem sinfonischen Geschehen nicht als Fremdkörper herüber, sondern blieb in Atmosphäre und Tonfall Teil des sinfonischen Ganzen.

Die intelligente und durchdachte musikalische Gestaltung setzte sich auch im Intermezzo fort, dessen Delikatesse Pianist und Orchester ganz wunderbar auskosteten, bevor sie sich ins Finale stürzten, dessen Vivace-Vorgabe zwar nicht in rekordverdächtigem Tempo erfüllt wurde, das aber in seiner sorgfältigen Gestaltung eine vitale Frische atmete.

Dem begeistert applaudierenden Publikum schenkte Vogt im Anschluss noch ein Chopin-Nocturne als Zugabe. Musik von Beethoven selbst erklang an diesem Abend zwar nicht, dafür aber mit Johannes Brahms' erster Sinfonie die seines legitimen Erben.

Das c-Moll-Werk hatte der Dirigent Hans von Bülow damals als "Beethovens Zehnte" tituliert. Auch hier machte das Orchester eine fabelhafte Figur, spielte mit großem Ton, setzte aber auch zarte lyrische Momente ins beste Licht.

Man spielte den Brahms in schönster romantischer Tradition: Nichts klang hier hart, kantig oder rau. Wirklich zu Herzen ging auch das von Konzertmeister Mikhail Ovrutsky intonierte Violinsolo im Andante. Masur gab sich danach sichtlich zufrieden: "Ich hoffe, dass wir damit auch die letzte Variation bezahlen können", sagte er.

Vom 26. Oktober bis zum 4. November setzt der Dirigent übrigens seine Beethoven-Mission fort, wenn er wieder in Bonn die Internationalen Beethoven Meisterkurse leitet.