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GENERAL-ANZEIGER (Bonn) September 9, 2008 Diesen Kuss der ganzen Welt Eine grandiose Aufführung der Neunten bildet den krönenden Abschluss des Sinfonien-Zyklus mit dem Orchestre National de France unter Leitung von Kurt Masur Bernhard Hartmann Kurt Masur bezeichnet Beethovens Musik gern als "Lebenselixier". Damit will er freilich nicht nur zum Ausdruck bringen, was sie ihm persönlich bedeutet, er versteht sie vor allem als Geschenk an die Menschheit: "Diesen Kuss der ganzen Welt", singt der Chor in der neunten Sinfonie, und wenn Masur diese Stelle dirigiert, hat man den Eindruck, er wolle sie mit ganz vielen Ausrufezeichen versehen. Anders als Paavo Järvi beim Eröffnungskonzert des Beethovenfests nahm Masur in der Aufführung der Neunten zum Abschluss des viertägigen Sinfonien-Zyklus mit dem Orchestre National de France das Brüderlichkeits-Pathos, von dem sowohl Schillers "Ode an die Freude" als auch Beethovens Vertonung durchdrungen sind, durchgehend ernst. Er glaubt an die einende Kraft der Musik. Das bedeutet nicht, dass Masur in der Beethovenhalle einen allzu feierlichen oder gar quasi-religiösen Ton angeschlagen hätte. Er vermeidet weihevoll breite Tempi ebenso wie willkürliche Ritardandi, und vertraut lieber auf die Noten, wie sie in der Partitur stehen. Dass Masur sich dabei auf ein großartiges Orchester verlassen kann, zeigte bereits der geheimnisvolle Beginn mit den leisen Streicher- und Hörnerquinten, deren Steigerungskurve bis zum Fortissimo des gesamten Klangapparates eine ungeheure Sogwirkung entwickelte. Auch das rasante Scherzo, dessen etwas trotzig daherkommendes Hauptthema von der Pauke regelrecht durch den Satz geprügelt wird, wurde virtuos umgesetzt, auch wenn die Rhythmik nicht so markant und pointiert herüberkam, wie es bei Järvi und seiner Deutschen Kammerphilharmonie Bremen zuletzt der Fall war. Dafür aber entwickelte sich der langsame Satz zu einer vollendeten Gesangsszene mit herrlich klingenden Streichern und beglückend schönen Holzfarben. Mit welcher Leidenschaft der 81-jährige Masur seine lebenslange Beethoven-Mission verfolgt, wurde in dem großen Chorfinale auf bewegende Weise deutlich. Mit nicht nachlassender Spannung durchschritt er die wie Szenen eines großen musikalischen Dramas an den Ohren der Zuhörer vorüberziehenden Abschnitte, gestaltete den schroffen Presto-Beginn mit ebensolcher Detailgenauigkeit wie er das erstmals in den Celli und Kontrabässen erklingende schlichte Freudenthema gleichsam mit einem Lächeln singen ließ. Ganz anders, wenn der Chor das Thema vorträgt. Die Stimmenhundertschaft, in welcher der Chor von Radio France (Einstudierung Matthias Bauer) angetreten war, lässt in den Fortissimo-Passagen die ganze Radikalität der visionären Musik gleichsam physisch spürbar mitschwingen, die in kleinerer Chor-Besetzung nur angedeutet werden könnte. Mit der Sopranistin Melanie Diener, der Altistin (und Tochter des Dirigenten) Carolin Masur, dem Tenor Christian Elsner und dem Bassisten Hanno Müller-Brachmann stand Masur zudem ein großartiges Solistenquartett zur Verfügung. Dass nach dieser Aufführung die Ovationen in derBeethovenhalle kaum enden wollten, überraschte nach den begeisterten Reaktionen an den Tagen zuvor nicht. Vor der Aufführung der Neunten, die außerhalb der Beethovenhalle als Public-Viewing-Veranstaltung auf dem Bonner Markt von mehr als 3 000 weiteren Menschen verfolgt wurde, hielt Bundesaußenminister a.D. Hans-Dietrich Genscher eine Laudatio aus Anlass der Verleihung des Wilhelm-Furtwängler-Preises an den Dirigenten. Darin erinnerte Genscher auch an die Verdienste des ehemaligen Gewandhauskapellmeisters um den friedlichen Verlauf der Leipziger Montagsdemonstrationen 1989. "Der geniale Beethoven-Interpret wurde auch dem politischen Vermächtnis Beethovens gerecht", sagte Genscher. In der ersten Konzerthälfte spielte das Orchestre National de France die achte Sinfonie Beethovens, ein in der Grundstimmung ausgesprochen heiteres Werk, das vom Orchestre National de France launig und in gänzlich unprätentiöser Weise vorgetragen wurde. |


