LE FIGARO
11. November 2002

Konzertkritik von Jacques Doucelin

Diejenigen, die am Donnerstag nicht im Théâtre des Champs-Elysées zum Auftakt des Beethoven-Marathons anwesend sein konnten, konnten es vielleicht auf France-Musiques feststeilen, das den Abend direkt übertragen hat: das französische Nationalorchester kommt in Bewegung. Oder besser, es wächst und entwickelt sich vorwärts. Die von einer Eisenhand durchgeführte «Reinigung», die Hand des neuen Chefdirigenten, dem Deutschen Kurt Masur, trägt bereits offensichtliche Früchte. Vor allem mit so selten dargebotenen Werken wie den ersten beiden Symphonien.

Natürlich, werden Sie sagen, Beethoven bedeutet dem Kapellmeister das, was Berlioz Charles Munch bedeutete. Nichtsdestoweniger bildet das Prestigeorchester von Radio France einen festgeschmiedeten Klangkörper, dessen Wesen zunächst von der französischen Musik geprägt ist. Aber diese Tatsache lässt man Kurt Masur bei Beethoven kaum spüren. Mit den einvollen Schritten eines gutmütigen Riesen betritt er die Bühne, ohne Dirigierstock, ohne Noten: alles ist in seinem Kopf und in seinem Herzen!

Kurt Masur rudert nicht unnütz mit den Armen in der Luft herum. Er bleibt in Momenten unbewegt, befindet sich in einer Art Ruhe vor dem Ausbruch des Sturmes. Man darf sich aber nicht irren; er verliert nicht einen Augenblick die Musiker aus den Augen, sogar mit baumelndem Arm geben seine Finger unaufhörlich Nuancen oder Einsätze an. Dann plötzlich richtet sich sein großer Rumpf wie ein Baumstamm von einem Windstoß geschüttelt auf, seine Schultern scheinen einen Felsen zu verrücken, seine langen Beine geben der Anstrengung nach, wohingegen seine Arme den Musikern unaufhörlich Anweisungen geben begleitet vom Keuchen eines Holzarbeiters.

Die Bewegungen von Masur stiften keine Unruhe, sondern schaffen Klarheit. Wie alle wirklich Großen antizipiert der Maestro, anstatt die Musik in eine "ungefähren Soße", in welcher Lärm an die Stelle von musikalischem Ausdruck rückt, ausschweifen zu lassen. Sicherlich handelt es sich um ein Erbe des Gewandhauses Leipzig, das er so lange Zeit leitete: um die "Sauce schmackhafter zu machen", muss Masur nicht auf die Ratschläge der Anhänger alter Musik zurückgreifen, er ist vielmehr der von Mendelssohn ausgehenden Tradition der Tranzparenz des 19. Jahrhunderts verpflichtet.

Diese kommt wunderbar zum Klingen in der ersten Symphonie, die vielleicht einen Abschied an Haydn darstellt, aber kein Haydn mehr ist! Allein das Durchscheinen eines der schönsten Themen aus dem Figaro im letzten Satz liefert hierfür den Beweis. Auch wenn das D-Dur der zweiten Symphonie das Dramatische sehr wohl durchscheinen lässt, bleibt alles von mediteraner Klarheit durchtränkt. Jedes Pult, jeder Musiker verpflichtet sich dem Zusammenhalt und der Durchsichtigkeit, sogar zum Preis, sein Hemd für den Dirigenten durchzuschwitzen. Letzterer lässt das Publikum alleine für das Orchester applaudieren, er schüttelt die Hände der Solisten.

Ohne die Dinge zuspitzen zu wollen, Masur lässt nach der Pause das erklingen, was Wagner der Marsch funèbre der Héorïque verdankt. Das "Nationale" ist zum großen Klang aufgefordert, bleibt aber nichtsdestoweniger verständlich. Hier treffen sich Orchester und Publikum, diese Takte kennen sie auswendig: dennoch steht es außer Frage, sich in die Routine zurückzuziehen. Masur reinigt, kratzt die geringsten Spuren von Rost ab. Mit großer maestria beherrscht er die bacchische Trunkenheit des Finale: es lebe Beethoven! Es lebe Masur!