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HAMBURGER MORGENPOST October 11, 2004 KURT MASUR IM GESPRÄCH: »Meine Botschaft ist Humanismus« Christoph Forsthoff Der Dirigent kommt zum Konzert nach Hamburg, kritisiert das deutsche Sparen an der Kultur als »verbrecherisch« Nein, zur Politik will er sich nicht äußern. Und schon gar nicht zu den Ereignissen vor 15 Jahren: An jenen 9. Oktober 1989, als Kurt Masur sich bei der ersten Montagsdemonstration dafür einsetzte, dass der Protest des Volkes nicht im Blutbad endete und der "Karajan der DDR" zum "Held von Leipzig" avancierte. "Ich habe damals als Humanist gehandelt und nicht als Politiker", sagt der 77-Jährige. Und dass es langsam "lächerlich" werde, wenn die Leute ihn immer (noch) als "dirigierenden Politiker" sähen. "Ich bin Musiker und meine Botschaft ist der Humanismus." Doch auch wenn der bärtige Hüne heute nichts mehr von seinen Äußerungen jener Monate wissen will - "ein Musiker kann nicht unpolitisch sein" oder auch dass eine kurzfristige Vereinigung der beiden deutschen Staaten "unrealistisch" sei: Wer gesellschaftspolitisch interessiert ist wie Masur, der hat natürlich auch seine Meinung und macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. "Verbrecherische" Ausmaße würden die in Deutschland vorgenommenen Einsparungen bei der Kultur langsam annehmen, die Versäumnisse in der Bildungspolitik seien ebenso fatal wie der geringe Stellenwert, der klassischer Musik und Kultur in den Medien beigemessen werde, in allen Ganztagsschulen müssten Musikunterricht und Chorsingen sofort als Pflichtfach eingeführt werden. "Woher kommt es denn, dass in ganz Asien klassische Musik geradezu besessen von jungen Menschen aufgenommen wird? Weil dort schon im Elementarschulbereich Musik gelehrt wird!" Nein, Phrasendrescherei oder hehre Politiker-Reden sind nie Sache des ehemaligen Leipziger Gewandhauskapellmeisters gewesen, der "Dirigent der Revolution" ist immer ein bodenständiger Mann der klaren Worte geblieben. Was offenbar die New Yorker Philharmoniker ebenso schätzten wie das von ihm heute geleitete Orchestre National de France und das London Philharmonic Orchestra, mit dem Masur am Mittwoch in Hamburg gastiert. Von den internationalen Spitzenensembles seien die nicht staatlich unterstützten Engländer wohl der am schlechtesten bezahlte Klangkörper - doch der "Enthusiasmus und die Opferbereitschaft dieser Musiker, verbunden mit dem hohen Niveau ihrer Interpretation berühren mich immer wieder neu". In der Musikhalle werden diese in Dvoràks Neunter und Brahms' Dritter zu hören sein - "eine sinnvolle Paarung, da Brahms Dvoràk sehr verehrt und unterstützt hat." Auch wenn der Maestro bedauert, dass bei solchen Zusammenstellungen auf Seiten der Veranstalter vor allem danach geschaut werde, welche Programme vermeintlich "verkaufsträchtig" seien und so meist die Moderne keine Chance habe. Denn werde ein Publikum entsprechend erzogen, sei es auch sehr wohl aufgeschlossen gegenüber zeitgenössischer Musik: "In New York konnten wir es uns leisten, fünf Uraufführungen zu spielen und trotzdem hatten wir in vier Konzerten 12000 Besucher." |


