Kölner Rundschau
September 11, 2009

Riese aus Leningrad
London Philharmonie Orchestra spielte unter Kurt Masur die Siebte von Schostakowitsch

Olaf Weiden

Wenn Kurt Masur nicht selbst die Konzertmeisterin am Händchen gepackt und damit die Orchesterformation aufgelöst hätte, es wären noch einige Vorhänge" gezogen worden. Nach dem Konzert mit dem London Philharmonie Orchestra und der siebten Sinfonie von Schostakowitsch herrschte beim Auftakt der Meisterkonzerte im Zyklus A offene Begeisterung. Und das sicher nicht nur aus rein musikalischen Gründen.

Kaum ein Dirigent wird als Symbolfigur für Charakterstärke und politische Loyalität international mehr gewürdigt als Kurt Masur. Seine Ehrungen sind zahllos, und seinen 80. Geburtstag feierte er im Juli 2007 mit einem Proms-Konzert in London mit seinen Orchestern der jüngeren Vergangenheit: Zum London Philharmonie gesellte sich das Orchestre National de France. Legendär wurde Masur als er 1989 bei der friedlichen Demonstration als Gewandhaus-Kapellmeister aktiv Position bezog. Wenn ein deutscher Maestro nun in Köln mit englischen Musikern eine Sinfonie inszeniert, die Schostakowitsch 1941 zur Belagerung der Stadt Leningrad durch die deutschen Truppen komponierte, schwingt natürlich auch eine politische Komponente mit.

Masur hob nach dem Finale immer wieder die Partitur der "Leningrader" dem Publikum entgegen, ein Hinweis auf die Tragweite dieses im "Sozialistischen Realismus" geborenen sinfonischen Riesen. Der Marsch im ersten Satz, dieses magisch anwachsende komponierte Crescendo vom pianissimo dahin gestolperten Trommelmotiv bis zum rauschenden Ansturm einer alles hinwegfegenden Gewaltwelle geißelt alle Stürme gegen die Freiheit und gegen die Menschlichkeit. Masur hielt hier mit eiserner Hand diesen frühzeitigen Höhepunkt der Sinfonie dynamisch auf Hochspannung. Umso wirkungsvoller brannte sich dieser in die Deckung geduckte Aufmarsch ein, umso berührender gelang der Ausbruch mit drei enervierenden Trommelspielern.

Kurt Masur, der auch solche Monsterpartituren immer ohne Stab dirigiert, ist ein Meister der kleinsten Bewegungen. Wenn der Dirigent einmal ein Bein anzieht, um die linkische Antwort in einem musikalischen Dialog anzudeuten, setzen die Musiker dies sofort um. Das britische Orchester besitzt traumhafte Solisten auf allen Positionen, der Streicherklang ist beneidenswert dunkel und kernig, die dynamischen Möglichkeiten wirkten schier unerschöpflich. Das pathetische Finale feierte einen möglichen moralischen Sieg, um den Masur erfolgreich gekämpft hat.