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GENERAL-ANZEIGER (Bonn) September 10, 2008 Mit Virtuosität und Leidenschaft Beethoven-Sinfonien 6 und 7 mit Masur in Bonn Bernhard Hartmann Die sechste Sinfonie Ludwig van Beethovens war immer schon ein dankbares Opfer der Kritiker des Komponisten. Claude Debussy etwa schien die "Pastorale" viel zu plakativ, und entsprechend drastisch formulierte er im Jahr 1903 seine Einwände: "Sehen Sie sich die Szene am Bach an: Es ist ein Bach, aus dem allem Anschein nach Kühe trinken (jedenfalls veranlassen mich die Fagottstimmen, das zu glauben)." Natürlich weiß auch Kurt Masur, der zurzeit in Bonn mit dem Orchestre National de France den Gesamtzyklus aller neun Beethoven-Sinfonien aufführt, dass die "Pastorale" in ihrer Konzeption die bildhafteste ist. Doch er nimmt sich auch die Mahnung des Komponisten, die Musik sei "mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei" zu Herzen. Jedenfalls waren im zweiten Satz keine Kühe zu vernehmen, sondern Fagottstimmen. Mit dem fabelhaften französischen Klangkörper lassen sich Beethovens Bildassoziationen in musikalische Poesie übersetzen. Davon war bereits der erste Satz durchdrungen, den Beethoven etwas umständlich mit der Überschrift "Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande" versehen hat. Eine gelassene Heiterkeit war in dem Eröffnungsstück des dritten Masur-Abends in der ausverkauften Beethovenhalle denn auch sehr wohl zu spüren, ebenso wie die "frohen und heiteren Gefühle" im Finale. Das Orchester spielte unter Masur sehr genau, aber nie auf Effekte abzielend. Selbst in der Gewitterszene blieb die musikalische Idee hinter den martialischen Paukenschlägen erkennbar. Solch ein musikalisches Understatement wäre bei der siebten Sinfonie völlig fehl am Platze. Hier wird von der langsamen Einleitung an nach und nach eine Spannung aufgebaut, die im Finale gleichsam zu explodieren droht. Masur ließ das Poco sostenuto mit nicht nachlassender Innenspannung musizieren, wobei auch der von der Flöte berührend schön angeführte Übergang zum Vivace sehr differenziert ausgestaltet war. Das trauermarschartige Allegretto, das im Grunde einen Gegenentwurf zum Pathos des entsprechenden "Eroica"-Satzes darstellt, wurde von den Streichern in satten Schönklang gebettet. Das Scherzo dirigierte Masur als Vorspiel zum rasenden Finale. Während etwa der späte Sergiu Celibidache an dieser Stelle eher auf ein perfektes Klangbild abzielte, ließ Masur zugunsten der musikalischen Idee kompromisslos und mit viel Mut zum Risiko spielen. Das Orchester setzte das mit großer Virtuosität und - noch wichtiger - Leidenschaft um. Wenn Richard Wagner hier die Apotheose des Tanzes erkannt haben will, so entspricht das sicher nicht Beethovens Intention. Aber es ist eine geniale Metapher für die unglaublich physische Wirkung der Musik, die das Beethovenfest-Publikum erneut zu Ovationen hinriss. |


