GENERAL-ANZEIGER (Bonn)
September 8, 2008

Dem Andenken eines großen Mannes

Mit Sinfonien Nummer 1 bis 3 startet Beethoven-Zyklus - 2000 Besucher feiern Musiker nach beeindruckender Leistung mit Ovationen

Bernhard Hartmann

Der britische Musiker und Kritiker Hans Keller hat einmal klug angemerkt, "dass in der Geschichte der Sinfonie kein Komponist einen solchen spirituellen Raum durchmessen hat wie Beethoven von seiner ersten bis zur neunten Sinfonie".

Den Beweis für diese ebenso lapidare wie wahre These möchte Kurt Masur beim Beethovenfest antreten, der mit dem Orchestre National de France nach Bonn gereist ist, um die neun Sinfonien in chronologischer Reihenfolge aufzuführen. Die Nachfrage beim Publikum ist so gigantisch, dass die Veranstalter sich dazu entschlossen haben, die Bestuhlung der Beethovenhalle auszuwechseln. Was den Komfort angeht, herrschen an den vier Abenden nun Bayreuther Verhältnisse, dafür finden immerhin 400 mehr Menschen Platz.

Um der Menschheit klarzumachen, dass er mit seinen Sinfonien zu ganz neuen Ufern aufbrechen will, fackelt Beethoven nicht lange. Die erste Sinfonie, in C-Dur stehend, beginnt nicht etwa mit einem hübschen Thema, sondern mit einer irritierenden Adagio-Einleitung: Die Holzbläser intonieren, unterstützt von subtilen Pizzicato-Akzenten der Streicher, einen Septakkord, der den Hörer gleich auf eine falsche harmonische Fährte führt, nämlich nach F-Dur. Die C-Dur-Grundtonart wird sich erst im Allegro festigen.

Die Raffinesse, mit der Beethoven sein Publikum zugleich verunsichert und zum Zuhören zwingt, ist Kurt Masur absolut bewusst. Man hört es an Genauigkeit und der Sorgfalt, die er mit dem Orchester den Beginn der ersten Sinfonie angedeihen lässt. Beiläufigkeit wird nicht geduldet, jede Phrase ist hier erfüllte musikalische Rhetorik, oder - wie Masurs Kollege Nikolaus Harnoncourt es ausdrücken würde: Klangrede. Den Beginn des Allegros dirigiert Masur mit einem sehr lebendigen, frischen Brio.

Bereits in der ersten Sinfonie zeigt sich, dass Masur ein sehr genaues Gespür für die unterschiedlichen Satzcharaktere hat. Allenfalls hätte das Andante cantabile eine Spur mehr Leichtigkeit vertragen können. Dass der auswendig dirigierende Masur jedoch auch die zweite Sinfonie in D-Dur, die wohl die geringste Popularität unter den neun Sinfonien genießt, mit derselben Hingabe gestaltet wie das Vorgängerwerk, ist Zeugnis für die tiefe Auseinandersetzung mit dem Gesamt-Oeuvre.

In der dritten Sinfonie lässt Beethoven endgültig die klassische Sinfonie Mozartscher und Haydnscher Prägung hinter sich. Das Pathos, mit dem der Komponist das Andenken eines großen Mannes feiert, der ursprünglich Napoleon hätte heißen sollen, verlangt nach neuen Klängen. Dafür bringen die Musiker des Orchestre National de France die besten Voraussetzungen mit. Vor allem der gewaltige Trauermarsch der "Eroica" erklang in einer ungemein packenden und dichten Interpretation.

Wann hört man je so schön klingende Holzbläser? Das Oboensolo fesselte nicht nur durch die absolute Reinheit des Klanges, sondern auch durch die nicht nachlassende Innenspannung dieser bewegenden Kantilene. Die gewaltige Steigerung, die der Satz schließlich erfährt, wurde von dem gesamten Orchester in bemerkenswerter Homogenität aufgebaut, wobei hier vor allem auch der den kontrapunktisch dichten Satz überstrahlende Hornruf hervorzuheben wäre.

In den beiden folgenden Sätzen bewies das Orchester, das den 81-jährigen Masur nach dessen Abschied von der Chefposition nun zum Ehrenmusikdirektor berufen hat, einen unbedingten Willen zur Präzision. Man zeigte nachhaltig, dass sich Schönklang und Ausdruck nicht widersprechen müssen. Das Publikum feierte Masur und seine Musiker im Stehen.