Sächsische Zeitung
June 2, 2009

Drei große M: Mutter, Mendelssohn, Masur
Dresdner Publikum feiert zwei berühmte Gäste

Peter Zacher

Bei beiden Sonderkonzerten der Philharmonie am Pfingstwochenende war der Kulturpalast bis auf den letzten Platz ausverkauft - ein schöner Erfolg für das Orchester und die Musikfestspiele und ein Beweis dafür, dass die Geigerin Anne-Sophie Mutter und der Dirigent Kurt Masur Publikumsmagnete sind. Beide haben alles erreicht, wozu man in ihren Metiers überhaupt in der Lage ist. Und beide sind in Dresden wahrlich keine Unbekannten. Der heute fast 82-jährige Masur war 1955 bis 1958 Dirigent und 1967 bis 1972 Chefdirigent der Philharmonie, während die 1963 geborene Mutter vor einigen Jahren an gleicher Stelle eine ungewöhnlich individuelle Interpretation von Beethovens Violinkonzert geboten hat.

Die im Vorfeld des Konzerts spannendste Frage war, ob Mutter auch in Mendelssohns Violinkonzert eine ebenso persönlich geprägte Fassung präsentieren würde. Unzufrieden werden diejenigen Hörer gewesen sein, die eine textgetreue Interpretation erwartet hatten, denn Mutters Spiel offenbarte einen Individualismus, den man bei anderen Geigern nicht so leicht akzeptieren würde. Bereits die extreme Zurückhaltung in der ersten Solopassage ließ ahnen, was kommen würde: Dynamik, Phrasierung, Gliederung des melodischen Materials, Diminuendi, Ritardandi und Accelerandi, Fermaten, Wahl und unerwartete Veränderungen der Tempi, Rubati entsprachen in vielen Fällen nicht dem, was Mendelssohn niedergeschrieben hat. Andererseits spielte die Solistin den eigentlichen Notenbestand ohne Änderungen und im dritten Satz war die persönliche Tönung ihres Spiels deutlich zurückgenommen, wenn man einmal von ihrem rasanten Tempo absieht, bei dem das Orchester oft kaum mithalten konnte. Dabei konnte man zwar den Eindruck gewinnen, dieser interpretatorische Gesamtansatz verstoße gegen Mendelssohn, aber auf der anderen Seite war dieser Ansatz so konsequent umgesetzt, dass von einer Beschädigung des Werks keine Rede sein konnte. Im Gegenteil, man kann diese Wiedergabe durchweg logisch finden und sich zu ihr bekennen. Dazu kommen Elemente, die über jede Kritik erhaben sind, etwa die absolute Intonationsreinheit, ein schon ans Sagenhafte grenzendes tragfähiges Pianissimo, die klare Ausbildung aller Töne selbst bei extrem schnellen Passagen. Dem enthusiastischen Beifall fügte eine Zugabe - beides logische Folgen von Mutters Spiel.

Es spricht für die menschliche Größe und musikalische Erfahrung Masurs, dass er der Solistin die Führung überließ und sich fast nur auf die Begleitung beschränkte. Wäre es zu einem Führungsstreit gekommen, hätte das zu einem Desaster führen können. Bei der abschließenden 9. Sinfonie von Antonín Dvorák mit dem Titel "Aus der neuen Welt" war dem Thema der diesjährigen Festspiele aufs Beste entsprochen. Masur konnte sich darauf verlassen, dass die Philharmoniker bereitwillig allen Intentionen ihres Ehrendirigenten (seit 1994) folgten. Die stärkste Wirkung ging von den Mittelsätzen aus. Das Largo, in den USA so berühmt geworden, dass darauf sogar ein Text gedichtet wurde, war mit seiner Englischhornmelodie ein Musterbeispiel dafür, dass Musik seelenvoll sein kann, ohne ins Sentimentale abzugleiten. Im dritten Satz waren Unruhe und Anklänge an tschechische Musik untrügliche Zeichen für Dvoráks Sehnsucht nach seiner Heimat.

Dass Masur die Kontrabässe hinter den Blechbläsern abgeordnet hatte, erwies sich als positiv und trug durch die Verbesserung des Klangs sicher dazu bei, dass das Publikum erneut hellauf begeistert war.