DIE WELT ONLINE
July 18, 2007

Kurt Masur: "Eigentlich wollte ich Organist werden"
Der Stardirigent, Weltbürger und Held der Deutschen Wendezeit feiert an diesem Mittwoch seinen 80. Geburtstag. Mit WELT ONLINE spricht er über das Wunder von Beethovens Neunter Sinfonie, seine Zeit am Gewandhaus in Leipzig - und er erklärt, warum ihm New York das Herz wärmt.

WELT ONLINE: Sie hatten Harald Schmidt als Moderator Ihrer Geburtstags-Gala am 16. Juni im Leipziger Gewandhaus engagiert. Warum?

Kurt Masur: Das war eine Idee meiner Frau. Ich möchte nicht so ernst damit umgehen. Von Masur erwartet man immer die schweren Brocken. Das hat mich nie belastet, denn ich bin ein ernster Mensch. Als Gewandhauskapellmeister musste ich mich darauf einstellen, dass man diese gewichtigen Werke vom Gewandhausorchester erwartet. Das hat mich geprägt – und mich dann zuerst zu einem "Beethoven-Heroen" gemacht, dann zu einem "Brahmsianer", einem "Brucknerianer" und was weiß der Teufel noch alles. Aber gewisse Dinge erwartet man von mir gar nicht mehr. Und da mache ich mir dann den Spaß und gebe Konzerte, bei denen alle überrascht sind, dass ich damit auch etwas anfangen kann.

WELT ONLINE: Zum Beispiel?

Masur: Na, zum Beispiel Lenny Bernstein in New York. Oder die Minimalisten. Ich bin kein Experte darin geworden, aber ich habe versucht, in Amerika fallen gelassene Traditionen wieder neu zu beleben – Duke Ellington, Stan Kenton, den sinfonischen Jazz.

WELT ONLINE: Wie muss man sich Ihr Leben heute vorstellen – zwischen London, Paris, New York und Leipzig?

Masur: Wir haben in New York noch einen großen Freundeskreis. Der ist dort leichter entstanden als hier in Deutschland, wo es nicht so einfach war, Privatverbindungen einzugehen. Immer diese Förmlichkeit – Leute, die vor lauter Verehrung gar nicht wissen, dass sie sich natürlich benehmen sollten, damit man sich wieder als Mensch fühlen kann.

WELT ONLINE: Wie geht es Ihnen gesundheitlich?

Masur: Blendend. In den letzten Jahren habe ich leider ein paar Mal die Segel streichen müssen – bei der Nierentransplantation 2001 war es ja schon lebensgefährlich geworden. Ich war selbst schuld. Ich habe gedacht, es geht immer so weiter. Eines Morgens in London spürte ich etwas am Herzen und rief einen Arzt, der gegen acht Uhr an meinem Hotelbett stand und mich untersuchte. Er sagte: Na ja, Sie sind sehr labil im Augenblick. Und ich: Aber, Herr Doktor, ich habe um zehn Uhr Probe! Darauf er: Was haben Sie? Young man, Sie sind nicht mehr zwanzig. Sie bleiben heute im Bett! (lacht) Das ist für mich ein geflügeltes Wort geworden.

WELT ONLINE: Es gibt in Ihrer Kindheit und Jugend zwei musikalische Schlüsselerlebnisse als Hörer: Bachs "Kunst der Fuge" und Beethovens Neunte. Wie haben diese beiden Urknall-Erfahrungen – Bach und Beethoven – Ihren späteren Weg beeinflusst?

Masur: Bach eigentlich pausenlos, obwohl ich Angst davor hatte, seine Werke selbst zu dirigieren. Ich wollte Organist werden, und als der Arzt bei einer Handuntersuchung feststellte, dass das nie sein kann, weil die Finger verkrüppeln werden im Laufe der Zeit, war ich ratlos. Und dann, nach diesem Konzert mit der Neunten, sagte ich mir: Vielleicht kannst du Dirigent werden? Ich spürte, dass bei Beethoven etwas existierte, was es auch bei Bach gab – die Vorstellung einer göttlichen Kraft. Wenn ich heute die "Missa solemnis" dirigiere, wird mir sehr klar, wie Beethoven Gott als Partner ansieht und ihn sogar anspricht: Wenn du nicht zeigen kannst, dass du Gott bist – wie sollen wir an dich glauben? Es sind Forderungen an Gott, die bei Beethoven gestellt werden. Mit ihm geschah ein Wunder in einer Zeit, in der er allein lebte, in der er krank war, total taub – und trotzdem den Auftrag spürte, eine Sinfonie zu schreiben, die die Hoffnungen der Menschheit ausdrückt.

WELT ONLINE: Ist es möglich, diese Neunte Sinfonie ohne Routine zu dirigieren? Passiert da jedes Mal etwas Neues bei Ihnen?

Masur: Jedes Mal. Und auch jedes Mal in einer anderen Richtung. Wenn wir die Neunte hier wiederholt haben, war es jedes Mal mein Antrieb, dem Chor, den Solisten, dem Orchester klarzumachen, dass es Menschen gibt, die die Neunte wieder neu hören wollen und müssen, als ob sie sie zum ersten Mal hören. Dieser erste große Choreinsatz mit "Freude" war für mich das Wichtigste überhaupt. Dass es heraus bricht aus dem Innersten der Sänger. Dass sie nicht nur kontrolliert sauber singen, sondern spüren, warum sie jetzt das Wort Freude singen. Es ist meist auch gelungen.

WELT ONLINE: Sie waren – kaum vorstellbar – "ein scheuer Junge". In Ihrer Biografie erinnern Sie sich: "Ich wollte meine Scheu endlich überwinden, mich nicht mehr blamieren, nicht belächelt werden." Und dann wurden Sie Dirigent?

Masur: Es war derselbe Weg. Ich habe später an der Leipziger Oper sogar überlegt, Tonmeister zu werden. Dann hätte ich in Ruhe arbeiten können. Es ist natürlich in jungen Jahren schwer, weil man sich erst einen gewissen Respekt bei den Musikern verdienen muss. Heute ist es wahrscheinlich noch schwerer, weil die Ausbildung auf einem so hohen Standard ist. Deswegen gebe ich jetzt auch mehr Meisterklassen für junge Dirigenten, um ihnen Wege zu zeigen, überzeugend auf Orchester zu wirken. Ich sage immer wieder: Wenn ihr ein Orchester nicht dazu bringen könnt, dass es besser spielt, wenn ihr dirigiert, als wenn es allein spielt, dann seid ihr keine Dirigenten.

WELT ONLINE: Anfang der Sechzigerjahre wurden Sie Chefdirigent an der Komischen Oper in Berlin. Nach vier Jahren kündigten Sie dort, und es begann eine dreijährige, staatlich verordnete "Arbeitslosigkeit" für Sie. Waren das auch Jahre Selbstzweifels und der Ungewissheit?

Masur: Ich merkte in der Zeit, dass der Staat in der Lage gewesen wäre, den Namen, den ich mir inzwischen erarbeitet hatte, auch wieder auszulöschen. Ein Freund, der Komponist Wagner-Régeny, sagte mir damals bei einem Spaziergang: Wir müssen alle überleben, auch du musst überleben. Aber solange, bis du aus dieser Situation herauskommst, musst du versuchen, so viel zu arbeiten, dass hinterher alle erstaunt sind, wie gut du geworden bist. Das war für mich der wertvollste Hinweis in dieser schweren Zeit. Dann kamen diese drei Jahre. Am Schluss musste ich sogar mein Auto verkaufen, um finanziell zurechtzukommen.

WELT ONLINE: Das Jahr 1967 brachte dann die Wende zum Guten....

Masur: Auf einmal wollten mich die Dresdner Philharmoniker als Chef haben, und das half mir wieder auf die Beine. Dann kam das Angebot von Venedig, dort den "Lohengrin" zu dirigieren. Das zwang mich, zum Minister zu gehen und zu sagen: "Herr Minister, ich habe in Venedig zugesagt." Da sagt er: "Sie können das nicht, Sie wissen das." Und ich: "Gut, ich gehe aber trotzdem. Ich werde versuchen, über die Grenze zu kommen, und wenn mir was passiert, sind Sie mit schuld." Er hat mir dann hinterher gesagt: Wenn er nicht gespürt hätte, wie entschlossen ich war, hätte er mich nicht schon am nächsten Nachmittag mit einem Visum überrascht. Das ging dann wahnsinnig schnell. Es hatte sich für mich eine Tür geöffnet.

WELT ONLINE: 1970 übernahmen Sie das Gewandhausorchester als Chef und haben es dann 27 Jahre lang geleitet. Wie blicken Sie heute auf die Leipziger Jahre zurück?

Masur: Es war das Fundament meines künstlerischen Lebens. Das Gewandhaus in seiner Klangcharakteristik, in seiner Art, Brahms, Bruckner, auch Beethoven zu spielen, war für mich damals zum Nonplusultra geworden. Das Orchester hat mir sehr geholfen, erst als jungem Opernkapellmeister und dann als jungem Gewandhauskapellmeister. Es gab eine große Fairness. Natürlich gab es auch gefährliche Situationen, wenn manchmal mit zu viel Routine gearbeitet wurde oder sich das Orchester teilweise nicht gut vorbereitet hatte. Bis wir gemeinsam feststellten, dass es aufwärts ging. Und das war der nächste Schritt zum Ziel, dass ein Neues Gewandhaus gebaut wird. Ich habe ja dann versucht, den Beschluss herbeizuführen ...

WELT ONLINE: ...indem Sie einen Brief an Erich Honecker schrieben...

Masur: ...richtig. Dass es geklappt hat, ist aber auch ein Verdienst des damaligen Kulturministers. Er kam ja aus Leipzig und wusste, dass die Zukunft der Stadt auch von einem blühenden Gewandhaus abhängen würde. Als ich das erste Mal bekannt gab, dass ein Neues Gewandhaus gebaut würde, hat mir das vom Publikum nur Lachen eingebracht. Doch langsam wurde der Zweifel besiegt.

WELT ONLINE: Sie haben das Orchester in mehr als 1800 Konzerten dirigiert. Welche Momente fallen Ihnen ein, die Sie am meisten berührt haben?

Masur: Es war zu viel (seufzt). Natürlich müssen wir die Tradition der Neunten zum Jahreswechsel in den Vordergrund stellen. Die Neunte als Friedensfeier, als Hoffnungsfeier, als Versuch, das Verbindende bei den Menschen zu suchen. Wie dieser erste Satz beginnt– das muss zu Beethovens Zeit so erregend gewesen sein! Das hat mit allem, was vorher geschehen war, nichts mehr zu tun. Das hat schon mit der Musik der Zukunft zu tun.

WELT ONLINE: Wie sehen Sie heute Ihre Rolle im Herbst 1989?

Masur: Voll Bescheidenheit. Wir haben am 9. Oktober in derselben Ecke gesessen, in der wir hier sitzen, und beraten. Das so genannte Wunder von Leipzig ist ein Verdienst dieser klugen Stadt – aller Leute, ganz gleich in welcher Funktion. Denn man hätte ja auch losschießen können ohne Begründung. Aber es wurde keine Fensterscheibe eingeworfen, es wurde sogar die Wache vor dem Stasi-Gebäude von den Mitarbeitern des Neuen Forums beschützt.

WELT ONLINE: Wie war es für Sie, im Herbst 1991 der umjubelte "Maestro of the Moment" in New York zu sein, während sich gleichzeitig in Leipzig alles im Umbruch befand?

Masur: Ich konnte dadurch in Leipzig mehr erreichen. Und wenn Masur nicht nach New York gegangen wäre, möchte ich nicht wissen, wie sein Schicksal hier verlaufen wäre.

WELT ONLINE: Sie waren – und sind – in New York seitdem ein Star. Können Sie diesen Status manchmal auch genießen?

Masur: Ich genieße die Zuwendungen auf der Straße in New York, in London und in Paris. Wenn das Publikum mich erkennt und sagt: "Maestro, wir vermissen Sie!" Diese Wärme tut mir gut.