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LIPPISCHE LANDESZEITUNG September 7, 2004 Der Dirigent der Dirigenten Kurt Masur leitet den ersten Kursus der Detmolder Sommerakademie für hoch begabte Musiktalente Stefan Derschum Detmold. Florian Frannek kennt Kurt Masur nicht allein die überreiche Biografie eines 77-jährigen Mannes, der mehr als ein Vierteljahrhundert an der Spitze des Leipziger Gewandhausorchesters stand, der elf jähre lang Chefdirigent in New York war und es in Personalunion derzeit beim London Philharmonie Orchestra und dem Orchestre National de France ist. Sondern der 32 Jahre junge Dirigent hat den politischen und gesellschaftskritischen Maestro leibhaftig erlebt, in seiner Leipziger Zeit. "Aber ich habe ihn nur von hinten gesehen, bei Konzerten", präzisiert der Nachwuchsdirigent aus Leipzig erschöpft. Gerade erst hat Florian Frannek den Boden unter den Füßen verloren, beim morgendlichen Dirigierkursus in der Detmolder Musikhochschule Auge in Auge mit Kurt Masur. Es ist der erste Tag der Sommerakademie für hoch begabte Musiktalente, an dem der Weltstar offiziell beginnt zu lehren. Die Professoren der Musikhochschule, die bereits seit einer Woche mit den herausragenden jugendlichen Streichern und Schlagzeugern aus ganz Deutschland daran arbeiten, dem außergewöhnlichen Gast ein zusammengeschweißtes Orchester zu präsentieren, machen sich nichts vor: Obwohl Professor Heinz Fadle, künstlerischer Leiter der Sommerakademie, kurz vorm Eintreffen Kurt Masurs stolz verkündet, "das ist uns gelungen", weiß er auch, dass jetzt erst die Zeit kommen wird, die die Ursache für die enorme Zahl von 176 Anmeldungen ist. Masur-Zeit. Der Maestro habe den Anreise-Sonntag bereits genutzt, um die beiden Solisten des Abschlusskonzertes am Donnerstag kennen zu lernen, berichtet Fadle in die Mikrofone der wartenden Journalisten, "außerdem hat er sich mit dem Orchester bekannt gemacht, er hat die Jugendlichen regelrecht elektrifiziert". Und erste Entscheidungen getroffen. Acht, neun junge Dirigenten aus einem Kreis von mehr als 30 hat Kurt Masur für persönliche Lehrstunden im größten Konzertsaal der Musikhochschule auserwählt. Florian Frannek ist einer von ihnen und der erste, der das Dirigat des Orchesters übernehmen soll unter den gestrengen Beobachtungen des Maestros, der sich nach einer freundlichen unprätentiösen Begrüßung ("Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen, ich werde Ihnen aufmerksam zuhören") direkt hinter die Streicher setzt. Dann mahnt der 77-Jährige noch, dass Florian Frannek das Orchester nicht korrigieren solle, um eigene Probleme zu verschleiern. "Sei ehrlich!" Beethovens Egmont-Ouvertüre, und ein 32-jähriger Dirigent vor einem Orchester, in dem Zwölf- bis 23-Jährige den Streicher-Apparat bilden, soll ehrlich sein vor Masur. Dem Masur. Also beginnt er, und das Orchester folgt. Der Maestro hört, beobachtet und unterbricht früh: "Dein Auftakt ist ungeduldig." Einige Minuten später vermisst er die Spannung in den Aurtakten des Leipzigers und erhebt sich: "Es tut mir leid, ich kann dich so nicht nach Hause gehen lassen." Kurt Masur bedient sich in solchen Sätzen nicht der Möglichkeit eines Maestros, enadenlos in seiner Kritik sein zu können. Auch bleibt sein Gesicht, das durchaus das Potenzial für Grimmigkeit und Bedrohlichkeit besäße, dabei entspannt. Er beweist das "goldene Händchen", das Fadle gepriesen hat, mit einer Kritik, die nie harsch oder gar aggressiv klingt. Stattdessen fast fürsorglich und natürlich leidenschaftlich: "Das Einatmen vor dem Fortissimo bringt entweder Qualität oder bäh." Authentisch reiht der Stardirigent pointierend aufrüttelnde Detailkorrekturen an existenzielle Aussagen wie: "Wenn wir dem Orchester nicht Inspiration geben, sind wir sinnlos." Sei ehrlich? Ist er, in einer schier kaleidoskopischen Bandbreite. Florian Frannek ist erschöpft, aber "dankbar". Sagt er nach seinen ersten 25 Minuten mit Kurt Masur. Obwohl die Situation nicht angenehm gewesen sei: "Es war hilfreich, aber ich wurde ziemlich auseinander genommen. Wenn der Auftakt derart korrigiert wird, fällt so ziemlich alles zusammen." Er habe keinen Boden mehr unter den Füßen gehabt. Aber am Boden liegt Florian Frannek dennoch nicht. Das wäre auch nicht Ziel Masurs. Viel mehr das Gegenteil. Warum Detmold? Natürlich ist die gemeinsame Leipziger Vergangenheit mit Hochschul-Rektor Martin Christian Vogel ein Grund. Ein anderer heißt Verantwortung gegenüber der Jugend. "Es ist eine frische, erwartungsvolle Generation, und wir lassen sie verhungern", erklärte er bei seiner Ankunft die Motivation, Nachwuchstalente zu unterrichten. Sie müsse Musik wieder lieben lernen, aber auch devot gegenüber den Komponisten sein. Deshalb beseelt Kurt Masur später im Kursus beispielsweise die Egmont-Ouvertüre mit der Geschichte des niederländischen Freiheitskampfes: "Ich hoffe, ihr habt die Tragödie gelesen. Wir müssen begreifen, wie genial Beethoven war." Biografien und Lebensumstände seien Schlüssel zur Partitur, erklärte der 77-Jährige vergangenes Jahr in einem Interview. Gean-Philip Toro, ein 30-jähriger Dirigent aus New York, muss an diesem Montag erfahren, dass dazu auch das Sterben Egmonts gehört. "Du lässt ihn asthmatisch sterben. Warum?", hört er den Einwand des Maestros und sagt trotzdem (oder gerade deshalb) anschließend: "Ich fühle mich jetzt sehr gut. Kurt Masur hat mit einen Blick auf die Musik gezeigt, der so viel mehr bedeutet als die reine Technik." |


