LIPPE AKTUELL
September 10, 2004

Abschlusskonzert mit Kurt Masur

Detmold (ame). Dr. h.c. Wolfgang Thierse nannte die l. Detmolder Sommerakademie an der Musikhochschule Detmold einen »weitsichtigen Ansatz, um sich in Zukunft noch stärker als Zentrum musikalischer Exzellenz zu profilieren« und wünschte der Hochschule auf diesem Weg viel Erfolg. Man konnte sich schon im Vorfeld denken, dass das Abschlusskonzert der Sommerakademie unter der Leitung von niemand geringerem als Professor Kurt Masur ein ganz besonderes Konzert werden würde. Immerhin saß die Elite unter den talentierten jungen Leuten auf der Bühne, allesamt hochrangige Preisträger des Wettbewerbs Jugend musiziert. Aber Musik kann man sich nicht denken, man muss sie erleben. Das Konzert sprengte jede Phantasiebegabung, es wurde zu einem überwältigendem Erlebnis, mit phänomenalen Eindrücken. Schon die Ouvertüre zu Goethes Trauerspiel glich dem Gegenteil eines solchen. In kürzester Zeit war aus diesen jungen Musikern ein echtes Orchester geworden war. Eines, bei dem die Orchestergruppen wie Zahnräder ineinander griffen, eines, in dem die Geigen wie ein Atem, wie ein Instrument agierten. Masur feuerte seine Musiker an: »Komm, komm, komm!«, und es war ihm herzlich egal, dass seine Rufe auch für das Publikum hörbar waren. Denn auf der Bühne wurde nicht präsentiert, nicht zelebriert. Masur ließ dort das pure Leben toben, die Lust am Schönen und die Freude. Und so wurde das Trauerspiel zum rauschenden Fest der Musik. Der anschließende Beifall sprach sämtliche Bände des Brockhaus'. Beim Violonceltokonzert h-moll., op. 104 von Antonin Dvorak, erlebten die Konzertbesucher im 1. Satz Florian Frannek, im zweiten Kurt Masur, im dritten Gian-Philip Toro. Ein dritter Dirigent in spe, Adrian Prabava, dirigierte Bartholdys Ouvertüre zu »Ruy Blas« op. 95. Wenn man bei den Proben nicht dabei gewesen ist, muss man sich im Raten versuchen. Und so lässt sich stark vermuten, dass Masur den jungen Dirigenten gesagt haben könnte: »Sei ganz du selbst. Vergiss alle Schablonen. Du musst die Musik von den Zehen bis in die Haarwurzeln fühlen und deine Gefühle müssen die Musiker so bewegen, wie die Gezeiten das Meer«. Florian Frannek das Dirigat mit ruhiger Hand, Gian-PhiUp Toro hingegen wirkte wie eine vor Kraft schäumende, elektrisierte Musikfontäne. Adrian Prabava war noch einmal ganz anders. Ob wohl er - wie man bei anschließenden Applaus erleben konnte - ein ungeheures Energiebündel feurigen Temperaments ist, war sein Dirigat von einer besonderen Ruhe. Da lag Magie in der Luft. Er führte mit oft nur angedeuteten Gesten, mit einer leisen Bewegung des Kopfes, aber man suchte fast mit den Augen die Fäden, an denen er seine Musiker zu halten schien. Da war eine Spannung, da knisterte die Luft-das Orchesterwar wie eine Marionette, die wie paralysiert den Anweisungen des Meisters Folge leistete. Detmold erlebte nicht nur junge Dirigenten - hier zeigten sich bereits echte Persönlichkeiten. Die Cellistin Konstanze von Gutzeit bewies, dass sie mit ihren erst 19 Jahren bereits über eine sehr große musikalische Reife verfügt. Technische Raffinessen zeigte sie, als handele es sich um ein Kinderspiel und auch im Ausdruck bot sie Eindrücke von großer Intensität. Die erst i6jährige Suyoen Kim ließ uns nach ihrem Auftritt, bei dem wir Brahms erlebten, wie man ihn nur selten hört, fragend zurück. Sie spielte so emotional und dabei technisch so überpräzise, geradezu genial, dass man am Schluss ganz schüchtern und mit Kinderaugen fragen möchte: Wer bitteschön, soll dieser jungen Frau noch etwas beibringen können? Wo ist der Mann, wo ist die Frau, die ihr noch etwas vormachen kann? Suyoen Kims Auftritt war das Highlight eines Abends, der so oder so vor Funken sprühte. Masur beendete das Konzert mit Zoltán Kodálys Háry-János-Suite. Noch einmal erlebte das Publikum ein Orchester, dessen Einzelbegabungen sich unterzuordnen wußten und die doch, sobald sie solistisch gefordert wurden, zu weiterer Höchstform aufliefen. Was soll man einem solchen Konzert hinzufügen? Nichts mehr. Weil ihm nichts hinzuzufügen ist. Bleibt nur, den jungen Leuten tiefempfundenen Respekt und größte Hochachtung zu zollen und der Hochschule von ganzem Herzen zu diesem großartigen Erfolg zu gratulieren.