LIPPISCHE LANDESZEITUNG
September 10, 2004

Orchester der Ausnahmetalente
Kurt Masur dirigiert zum Abschluss der 1. Detmolder Sommerakademie

Sabine Flamme-Brüne

Detmold. Die wichtige Entscheidung gilt es gleich zu Beginn zu treffen; Soll man nun hinten-oben in der Neuen Aula Platz nehmen, wo die Akustik genial ist, oder lieber doch vorne in einer der ersten sechs Reihen, wo man zwar nur die Füße der Orchestermusiker sieht, aber von hier dem Meister ohne große Schwierigkeiten auf die Finger gucken kann? Denn schließlich dirigierte kein geringerer als Kurt Masur gestern Vormittag das Orchester der l. Detmolder Sommerakademie in der öffentlichen Generalprobe für das Abschlusskonzert, das gestern Abend stattfand.

Die Entscheidung — doch lieber vorne — muss schnell getroffen werden, denn der Konzertsaal füllt sich fix. Die ersten sitzen bereits seit 9.30 Uhr — eine halbe Stunde, ehe Masur, begleitet von donnerndem Applaus, das Podium betritt. Ganz leger im Leinenheind stellt er sich vor sein Orchester, das aus lauter jungen Leuten besteht, allesamt erste Preisträger des Bundeswettbewerbs "Jugend musiziert", wünscht "toi, toi, toi" und hebt die Hände, um Beethovens "Egmont"-Ouvertüre op. 84 zu dirigieren.

Und das Orchester spielt. Konzentriert, makellos. Bis der Maestro unierbricht: "Die Oboen sind zu tief, und die Trompeten bitte hier nicht laufen. Noch mal!" Masur malt große Bögen in die Luft, die sein Orchester wohl zu deuten weiß. Ein musikalisches Stöhnen geht durch den Klangapparat, als der Partitur gemäß der Kopf des Freiheitshelden Egmont fällt. Dann Totenstille. Und nach einer endlos erscheinenden, die Spannung erhöhenden Generalpause geht es weiter. Das Orchester lässt ein Siegeslied zum Schluss erwachsen, das Masur am Ende mit einem "Bravo!" quittiert.

Weiter gelits mit Dvoraks Cello-Konzert h-moll op. 104. Masur setzt sich in die erste Reihe, macht auf dem Podium Platz für drei junge Dirigenten, die jeder einen Satz des Werkes übernehmen. Solistin ist Konstanze von Gutzeit, 19 Jahre alt und eine Virtuosin auf ihrem Instrument. Ihr Spiel atmet den Genius Dvoraks - dass ausnahmsweise zwischen den einzelnen Sätzen applaudiert wird, geht nicht nur auf die Rechnung der drei Dirigenten, sondern ist auch Verdienst dieser brillanten Cellistin.

Und natürlich auch des Orchesters. Beinahe greifbar ist hier der Wille vorhanden, miteinander gute Musik zu machen. Dafür gibt jeder sein Restes und das ist hörbar. Die Begeisterung überträgt sich ungefiltert aufs Publikum — nur der Maestro kritisiert die Jungen Dirigenten. Aller schließlich sollen sie ja auch davon profitieren, mit dem Profi zusammenarbeiten zu dürfen.

Noch Mendelssohn Bartholdys Ouvertüre zu "Ruy Blas" op. 95, ehe Orchester und Publikum nach gut eineinhalb Stunden in die Pause entlassen werden.

Danach wieder zur Konzentration zu finden, fällt nicht so leicht. Drei Mal muss Masur, der Jetzt wieder selbst am Pult steht, Brahms Violinkonzert D-Dur op. 77 beginnen, ehe er das Orchester wieder eingefangen hat. Solistin ist die 16-jährige Suyon Kim aus Münster. Mit ehrfurchtsvollem Staunen verfolgt das Orchester die atemberaubende Kadenz der Solistin am Ende des l. Satzes. Neidlos wird das Ausnahmetalent unter den Ausnahmetalenten, die sie alle sind, sonst säßen sie ja nicht hier, anerkannt. Und die jungen Musiker sind so versunken in das, was Suyon Kim da an Klangkaskaden ihrer Geige entlockt, dass sie glatt ihren Einsatz vermasseln. Macht nichts, ist ja nur eine Probe.

Während das Publikum so langsam zu schwächein beginnt — seit zweieinhalb Stunden sitzt man schließlich schon hier —, ist dem Orchester trotz des Mammutprogramms noch keine Müdigkeit anzumerken. Die setzt allerdings bald ein. Beim dritten Satz fällt es den jungen Musikern dann doch immer schwerer, sich zu konzentrieren. Immer und immer wieder muss eine Stelle wiederholt werden, und irgendwann weiß auch die Solistin nicht mehr, was Sache ist. Abermals bricht Masur ab, umarmt Suyon schnell, und dann läufts. Jetzt noch Kodálys "Háry-János-Suite", dann ein paar Stunden Pause, und am Abend wird das Publikum begeistert sein. Garantiert.